Lernmaterial: Kostenrechnung – Betriebsabrechnung, Analyse, Kalkulation
Quellen:
- Kopierter Text aus "Andreas Winiger ∙ Urs Prochinig: Kostenrechnung – Betriebsabrechnung ∙ Analyse ∙ Kalkulation" (Theorie, Seiten 9-13)
- Transkript einer Vorlesung zum Thema "Einführung in die Kostenrechnung"
📚 Einführung in die Kostenrechnung
Die Kostenrechnung ist ein unverzichtbares Instrument für die wirtschaftliche Führung eines Unternehmens, insbesondere wenn die Grösse oder Komplexität der Geschäftstätigkeit die Informationen der gesetzlich vorgeschriebenen Finanzbuchhaltung (FIBU) als unzureichend erweist. Während die FIBU primär externe Adressaten bedient und gesetzlichen Vorschriften folgt, liefert die Kostenrechnung detaillierte interne Informationen zur Steuerung und Optimierung betrieblicher Prozesse. Sie wird auch als Betriebsbuchhaltung (BEBU) bezeichnet.
Ziele und Aufgaben der Kostenrechnung
Die Kostenrechnung verfolgt drei zentrale Ziele, die eng miteinander verbunden sind:
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✅ Betriebsabrechnung:
- Zweck: Kosten und Erlöse werden den einzelnen Kostenträgern (meist Produkte oder Dienstleistungen) zugeordnet.
- Ergebnis: Ermittlung des Erfolgs jedes einzelnen Kostenträgers. Dies zeigt auf, welche Produkte profitabel sind und welche nicht.
- Beispiel: Feststellung, ob die Produktion von Türen oder Schränken zu einem Betriebsverlust führt.
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✅ Analyse:
- Zweck: Untersuchung der Prozesse und Ergebnisse der Leistungserstellung.
- Ergebnis: Aufbereitung von Auswertungen für die Führungsverantwortlichen zur Identifizierung von Effizienzpotenzialen und Schwachstellen.
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✅ Kalkulation:
- Zweck: Bereitstellung von Berechnungsgrundlagen.
- Ergebnis: Unterstützung bei der Preisgestaltung für Produkte und Dienstleistungen sowie bei der Bewertung von Vorräten.
📊 Aufbereitung der Finanzbuchhaltungsdaten für die Kostenrechnung
Um aussagekräftige Informationen für die Kostenrechnung zu erhalten, müssen die Daten der Finanzbuchhaltung systematisch aufbereitet und bereinigt werden. Dieser Prozess umfasst die sachliche Abgrenzung und die Klassifizierung der Kosten.
1️⃣ Sachliche Abgrenzung
Die sachliche Abgrenzung ist der erste Schritt, um die FIBU-Zahlen für die Kostenrechnung nutzbar zu machen. Hierbei werden zwei Hauptfragen gestellt:
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Ist die Buchung betrieblich relevant?
- Nein: Betriebsfremde und ausserordentliche Positionen (z.B. Erträge aus Wertschriftenverkäufen, ausserordentliche Verluste) sowie Steuern werden ausgeschieden. Sie haben keinen direkten Bezug zur betrieblichen Leistungserstellung und werden in der Kostenrechnung nicht berücksichtigt.
- Ja: Die Buchung steht im Zusammenhang mit der betrieblichen Leistungserstellung.
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Sind die verbuchten Beträge objektiv?
- Nein: Werte, die durch steuerliche oder geschäftspolitische Überlegungen verfälscht sind, müssen korrigiert werden. Ein klassisches Beispiel sind überhöhte Abschreibungen in der FIBU zur Bildung stiller Reserven. Diese müssen auf die betrieblich notwendigen Abschreibungen korrigiert werden.
- Ja: Die Werte sind objektiv und spiegeln die tatsächlichen betrieblichen Gegebenheiten wider.
📚 Definition: Objektive (sachlich abgegrenzte) Aufwendungen werden in der Fachsprache als Kosten bezeichnet.
2️⃣ Klassifizierung von Kosten: Einzelkosten und Gemeinkosten
Nach der sachlichen Abgrenzung werden die betrieblich objektiven Kosten weiter klassifiziert:
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📚 Einzelkosten (Direkte Kosten):
- Können direkt und verursachungsgerecht einem einzelnen Kostenträger zugeordnet werden.
- Beispiel: Materialkosten für die Herstellung eines bestimmten Produkts (z.B. Holz für einen Schrank).
- Kostenträger: Meist die hergestellten Produkte oder erbrachten Dienstleistungen, die durch ihren Verkauf die verursachten Kosten tragen sollen.
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📚 Gemeinkosten (Indirekte Kosten):
- Können nicht direkt einem einzelnen Kostenträger zugeordnet werden.
- Werden stattdessen den verursachenden Kostenstellen zugewiesen.
- Beispiel: Miete für die Fabrikhalle, Stromkosten, Gehälter der Verwaltungsmitarbeiter.
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📚 Kostenstelle: Der Ort (die Stelle) der Kostenentstehung und Leistungserbringung in einem Unternehmen.
- Beispiel (Möbelschreinerei Holz AG): Einkauf/Lager, Werkstatt, Verwaltung/Vertrieb.
📊 Der Betriebsabrechnungsbogen (BAB)
Der Betriebsabrechnungsbogen (BAB) ist ein zentrales Instrument der Kostenrechnung, das eine übersichtliche Darstellung des Datenflusses von den FIBU-Zahlen bis zur Ermittlung der Selbstkosten der Kostenträger ermöglicht.
Datenfluss im BAB
Der BAB visualisiert, wie die betrieblich abgegrenzten Aufwendungen und Erträge verarbeitet werden:
- FIBU-Erfolgskonten: Ausgangspunkt sind die Aufwendungen und Erträge der Finanzbuchhaltung.
- Sachliche Abgrenzungen: Bereinigung der FIBU-Zahlen (Ausscheiden betriebsfremder/ausserordentlicher Positionen, Korrektur nicht-objektiver Werte).
- BEBU-Kosten und Erträge: Die bereinigten Werte fliessen in die Betriebsbuchhaltung ein.
- Zuordnung zu Kostenträgern und Kostenstellen:
- Einzelkosten: Werden direkt den Kostenträgern zugewiesen.
- Gemeinkosten: Werden den Kostenstellen zugewiesen.
- Weiterverrechnung der Kostenstellenleistungen: Die auf den Kostenstellen gesammelten Gemeinkosten werden über Umlageschlüssel auf die Kostenträger verteilt.
Beispielhafte Aufbereitung von FIBU-Zahlen im BAB (Möbelschreinerei Holz AG)
- Materialaufwand: Ist betrieblich objektiv und kann als Einzelmaterialkosten direkt den Kostenträgern (Türen: 400 TFr., Schränke: 800 TFr.) zugewiesen werden.
- Personalaufwand: Ist betrieblich objektiv. Die Personalkosten werden den Kostenstellen zugeordnet, an denen die Mitarbeitenden tätig sind (z.B. Einkauf/Lager: 80 TFr., Werkstatt: 300 TFr., Verwaltung/Vertrieb: 220 TFr.).
- Diverser Betriebsaufwand: Nach Untersuchung der Buchungsbelege werden diese als diverse Gemeinkosten den verursachenden Kostenstellen zugewiesen (z.B. Einkauf/Lager: 10 TFr., Werkstatt: 260 TFr., Verwaltung/Vertrieb: 230 TFr.).
- Abschreibungen: Die FIBU weist 250 TFr. aus. Betrieblich notwendig sind jedoch nur 200 TFr. (Differenz von 50 TFr. wird sachlich abgegrenzt). Diese Abschreibungskosten von 200 TFr. werden den Kostenstellen zugewiesen (z.B. Einkauf/Lager: 30 TFr., Werkstatt: 120 TFr., Verwaltung/Vertrieb: 50 TFr.).
- Verkaufserlöse: Werden direkt den Kostenträgern zugeordnet (Türen: 800 TFr., Schränke: 1600 TFr.). Im BAB werden Haben-Buchungen oft als negative Beträge dargestellt.
- Betriebsfremder und ausserordentlicher Erfolg sowie Steuern: Diese Positionen gehören nicht in die Betriebsbuchhaltung und werden im BAB nicht aufgeführt.
📈 Umlage der Gemeinkosten auf Kostenträger
Nachdem die Gemeinkosten auf den Kostenstellen gesammelt wurden, müssen sie verursachungsgerecht auf die Kostenträger umgelegt werden. Dies geschieht mithilfe spezifischer Umlageschlüssel für jede Kostenstelle:
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Kostenstelle Einkauf und Lager:
- Verursachung: Kosten entstehen durch Beschaffung und Lagerung von Material.
- Umlageschlüssel: Proportional zum Materialverbrauch der Kostenträger.
- Beispiel: Wenn Türen 400 TFr. und Schränke 800 TFr. Material verbrauchen, werden die Kosten im Verhältnis 1:2 umgelegt.
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Kostenstelle Werkstatt:
- Verursachung: Kosten entstehen durch den Fertigungsprozess (Sägen, Schleifen, Montieren).
- Umlageschlüssel: Im Verhältnis zu den geleisteten Arbeitsstunden (gemäss Arbeitsrapporten).
- Beispiel: Türen: 3'600 h, Schränke: 3'200 h. Die Werkstattkosten werden im Verhältnis 36:32 umgelegt.
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Kostenstelle Verwaltung und Vertrieb:
- Verursachung: Oft nicht eindeutig einem einzelnen Produkt zuzuordnen (Geschäftsleitung, Verkauf, Buchhaltung).
- Umlageschlüssel (vereinfachend): Im Verhältnis zu den Herstellkosten der Kostenträger.
- Beispiel: Herstellkosten Türen: 800 TFr., Schränke: 1'200 TFr. Die Verwaltungskosten werden im Verhältnis 8:12 umgelegt.
💡 Ergebnis der Umlage: Durch die Umlage der Gemeinkosten und die Addition der Einzelkosten ergeben sich die Selbstkosten pro Kostenträger.
💡 Bedeutung und Nutzen der Kostenrechnung
Die Kostenrechnung ergänzt die Informationen der Finanzbuchhaltung entscheidend. Während die FIBU einen Gesamtüberblick über den Unternehmenserfolg liefert, zeigt sie nicht, welche Produkte oder Dienstleistungen diesen Erfolg (oder Misserfolg) verursachen.
⚠️ Beispiel (Holz AG): Die FIBU wies einen Betriebsverlust von 150 TFr. aus. Ohne Kostenrechnung wäre unklar, ob Türen oder Schränke dafür verantwortlich sind. Der BAB zeigt jedoch, dass die Türen einen Verlust von 200 TFr. verursachen, während die Schränke einen Gewinn von 100 TFr. erzielen.
Diese detaillierte Sicht ermöglicht es dem Management, fundierte Entscheidungen zu treffen:
- Preisanpassungen für unrentable Produkte.
- Optimierung von Produktionsprozessen.
- Anpassung des Produktportfolios.
- Gezielte Massnahmen zur Effizienzsteigerung in bestimmten Kostenstellen.
Die Kostenrechnung ist somit ein fundamentales Werkzeug zur Steuerung und Optimierung betrieblicher Prozesse und zur Sicherstellung der langfristigen Rentabilität eines Unternehmens.








