Lernmaterial: Kosten- und Ertragsarten in der Betriebsbuchhaltung
Quellen:
- Kopierter Text (Seiten 17-30)
- Vorlesungstranskript
📚 Einführung in Kosten- und Ertragsarten
Dieses Lernmaterial bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Kosten- und Ertragsarten, ihre Klassifizierung und Verbuchung in der Betriebsbuchhaltung (BEBU) im Vergleich zur Finanzbuchhaltung (FIBU). Während die FIBU primär externen Berichtspflichten dient, ist die BEBU ein internes Steuerungsinstrument. Moderne EDV-Systeme automatisieren die Erfassung, wobei jede Buchung einem spezifischen Artenbegriff zugeordnet wird.
1. 📊 Primär- und Sekundärarten der BEBU
In der BEBU werden Kosten und Erträge nach ihrer Herkunft und Funktion unterschieden.
- Primärarten: ✅
- Direkt aus der FIBU übernommene Aufwands- oder Ertragsarten.
- Beispiel: Der Materialaufwand der FIBU wird in der BEBU als Einzelmaterialkosten erfasst.
- Sekundärarten: ✅
- Für interne Verrechnungen und Umlagen innerhalb der BEBU geschaffen.
- Sie entstehen nicht direkt aus externen Geschäftsvorfällen.
- Beispiel: Für die interne Leistungsverrechnung einer Werkstatt werden "Werkstatt-Gemeinkosten" als Sekundärart eröffnet.
- 💡 Hinweis: Kontobezeichnungen in der BEBU können von der FIBU abweichen, und mehrere FIBU-Aufwandsarten können in einer BEBU-Kostenart zusammengefasst werden (z.B. verschiedene Sozialaufwandkonten zu "Sozialkosten").
- ⚠️ Die Begriffe Primär- und Sekundärarten werden je nach Softwarehersteller unterschiedlich oder gar nicht verwendet.
2. 💰 Materialkosten
Materialkosten sind ein zentraler Bestandteil der Kostenrechnung, insbesondere in Produktionsbetrieben.
2.1. Materialarten in Produktionsbetrieben
- Einzelmaterial (Rohstoffe, Werkstoffe):
- Wesentlicher Bestandteil des Endprodukts (z.B. Holz, Stahl).
- Wird direkt dem Kostenträger als Einzelkosten belastet.
- Hilfsmaterial (Hilfsstoffe):
- Wertmässig unbedeutender Bestandteil des Endprodukts (z.B. Nägel, Leim).
- Wird als Gemeinkosten der beziehenden Kostenstelle belastet.
- Betriebsmaterial (Betriebsstoffe):
- Kein Bestandteil des Endprodukts, dient der Aufrechterhaltung der Produktion (z.B. Kühlmittel, Schmiermittel).
- Wird als Gemeinkosten der beziehenden Kostenstelle belastet.
- Waren (Handelswaren):
- Werden in der Regel ohne wertschöpfende Produktionsschritte weiterverkauft.
- Bewertung und Verbuchung erfolgen analog zum Einzelmaterial.
2.2. Verbuchungsmethoden für Einzelmaterial
Die Verbuchung hängt vom physischen Materialfluss ab.
- Einkauf wird im Vorrat aktiviert:
- Material wird an Lager gelegt.
- FIBU: Vorratszunahme (Bilanz).
- BEBU: Keine Buchung beim Einkauf.
- Lagerbezug (Verbrauch): FIBU: Materialaufwand; BEBU: Einzelmaterialkosten dem Kostenträger belastet.
- Einkauf wird als Aufwand gebucht:
- Material fliesst direkt in den Produktionsprozess (keine Zwischenlagerung).
- FIBU: Materialaufwand.
- BEBU: Einzelmaterialkosten dem Kostenträger belastet.
2.3. Bewertungsverfahren für Vorräte
Sofern Material an Lager gelegt wird, muss der Wert für Einlagerung und Lagerbezug bestimmt werden.
- Gewichteter Durchschnitt:
- Bei jedem Einkauf wird ein neuer Durchschnittspreis aus vorhandenen Beständen und dem Einkauf ermittelt.
- Lagerbezüge erfolgen zu diesem Durchschnittspreis.
- ✅ Häufig in der Praxis, da einfach und geringe EDV-Anforderungen.
- Beispiel: Anfangsbestand 40 kg à 2.00, Zukauf 200 kg à 2.06. Neuer Durchschnittspreis: (80 + 412) / 240 = 2.05/kg.
- First-in-first-out (FIFO):
- Lagerzugänge werden als separate Positionen geführt.
- Lagerbezüge erfolgen in chronologischer Reihenfolge des Einkaufs (zuerst eingekauftes Material wird zuerst verbraucht).
- ✅ Entspricht dem tatsächlichen Materialfluss.
- Beispiel: Bezug von 140 kg: zuerst 40 kg à 2.00 (Anfangsbestand), dann 100 kg à 2.06 (aus Zukauf).
- Verrechnungspreis (Standardpreis):
- Für jeden Artikel wird ein (meist jährlich) hinterlegter Verrechnungspreis verwendet.
- Einlagerungen und Lagerbezüge erfolgen zu diesem Verrechnungspreis.
- Differenzen zum Rechnungsbetrag werden als Preisdifferenz direkt im Aufwand erfasst.
- ✅ Einfach, ermöglicht konstante Preise für Kalkulation.
- ⚠️ Ungeeignet bei grossen Preisschwankungen.
- Beispiel: Verrechnungspreis 2.00/kg. Zukauf 200 kg à 2.06 (412). Verbuchung zu 2.00 (400). Preisdifferenz 12.
3. 🧑🤝👩 Personalkosten
Personalkosten umfassen Löhne, Sozialabgaben und übrige Personalaufwendungen.
3.1. Bestandteile der Personalkosten
- Lohnkosten: Vereinbarte Löhne (Tages-, Stunden-, Monatslöhne, Provisionen, Jahresendzulagen) und Sachleistungen.
- Sozialkosten: Arbeitgeberbeiträge zu Sozialversicherungen (AHV, ALV, Unfallversicherung etc.).
- Übrige Personalkosten: Kosten ohne Sozialversicherungsbeiträge (z.B. Personalanwerbung, Weiterbildung, Temporärfirmen).
3.2. Verbuchung und Berechnung
- Übrige Personalkosten: Direkt den verursachenden Kostenstellen oder Kostenträgern belastet.
- Lohn- und Sozialkosten: Meist als Gemeinkosten den Kostenstellen belastet, für die die Mitarbeitenden arbeiten. In Ausnahmefällen als Einzelkosten direkt dem Kostenträger (z.B. Dozentenlohn einem Bildungsgang).
- Sozialkostenberechnung:
- Zusammenfassung der Konten: Diverse FIBU-Sozialaufwandsarten werden in einer einzigen BEBU-Kostenart "Sozialkosten" zusammengefasst.
- Belastung von kalkulierten Sozialkosten: Ein pauschaler Zuschlagssatz (kalkuliert) wird auf die Lohnkosten angewendet, um die Sozialkosten zu ermitteln. Dieser Satz wird im Lohnartenstamm hinterlegt.
- Beispiel: Kalkulierter Sozialkosten-Zuschlagssatz = Arbeitgeber-Beiträge / Beitragspflichtige Löhne. (134'400 / 960'000 = 14%).
- ⚠️ Sachliche Abgrenzung: Entsteht, wenn die BEBU kalkulierte Sozialkosten anstelle der effektiven Sozialaufwendungen belastet.
4. 📈 Zinsen
Zinsen weisen oft Unterschiede zwischen FIBU und BEBU auf.
4.1. Zinsaufwand (FIBU) vs. Zinskosten (BEBU)
- Zinsaufwand FIBU: Tatsächliche Verzinsung des Fremdkapitals unter Berücksichtigung zeitlicher Abgrenzungen.
- Zinskosten BEBU: Oft mittels Berechnungsmodellen ermittelt, die auch Eigenkapitalzinsen beinhalten, um Opportunitätskosten abzubilden.
- Zinskosten sind in der Regel Gemeinkosten.
- In Ausnahmefällen (z.B. Bauprojektfinanzierung) können Zinskosten als Einzelkosten direkt dem Kostenträger zugeordnet werden.
4.2. Berechnung der Zinskosten (BEBU)
- Eigenkapitalzins als Opportunitätskosten:
- Zinsaufwand der FIBU wird übernommen.
- Zusätzlich wird das Eigenkapital kalkulatorisch verzinst (entgangener Nutzen einer alternativen Anlage).
- Beispiel: Zinsaufwand FIBU (Bankdarlehen) 8 + kalkulierter Eigenkapitalzins (10% von 400) 40 = 48.
- Verzinsung des betriebsnotwendigen Kapitals:
- Zinsaufwendungen der FIBU werden nicht berücksichtigt.
- Berechnung des zu verzinsenden Kapitals: Betriebsnotwendiges Vermögen abzüglich zinsfreies Fremdkapital. Dieser Betrag wird zu einem kalkulierten Zinssatz verzinst (z.B. WACC).
- Beispiel: Betriebsnotwendiges Vermögen 700 - zinsfreies Fremdkapital 100 = 600. Kalkulierter Zins (8% von 600) = 48.
- Verzinsung einzelner Aktiven:
- Kalkulatorische Verzinsung beschränkt sich auf wichtige, klar zuordenbare Aktivposten (z.B. Forderungen, Materialvorrat, Sachanlagen).
- Beispiel: Zinsen auf Kundenforderungen (8% von 100) 8 + Zinsen auf Materialvorrat (8% von 50) 4 + Zinsen auf Sachanlagen (8% von 300) 24 = 36.
- ✅ Einfache Berechnung und Zuordnung (z.B. Materialvorrat auf Kostenstelle Einkauf).
- ⚠️ Sachliche Abgrenzung: Entsteht, wenn die BEBU Eigenkapitalzinsen beinhaltet oder auf die Verrechnung von Zinskosten verzichtet.
5. 📉 Abschreibungen
Abschreibungen erfassen den Wertverlust von Sachanlagen.
5.1. Abschreibungsaufwand (FIBU) vs. Abschreibungskosten (BEBU)
- Abschreibungsaufwand FIBU: Bilanzmässige Abschreibungen, vermindern den Bilanzwert der Sachanlagen. Werden in der BEBU sachlich abgegrenzt.
- Abschreibungskosten BEBU: Kalkulierte Abschreibungen, nur in der BEBU verbucht, dienen der Ermittlung von Selbstkosten und Kalkulationssätzen.
5.2. Abschreibungsverfahren
- Zeitabschreibung:
- Linear: Gleichmässige Abschreibung über die geschätzte wirtschaftliche Nutzungsdauer. Betrag ist jedes Jahr gleich hoch.
- Degressiv geometrisch: Gleichbleibender Prozentsatz des jeweils aktuellen Buchwertes. Betrag wird jedes Jahr kleiner.
- ✅ Lineare Methode ist in der BEBU häufig, da Nutzung oft gleichmässig.
- ⚠️ Degressive Methode basiert oft auf Steuervorgaben und ist für die BEBU weniger zweckmässig.
- Leistungsabschreibung:
- Abschreibung nach effektiver Nutzung bzw. Verbrauch (z.B. pro Maschinenstunde, pro gefahrenem Kilometer).
- Der Betrag variiert jährlich.
- ✅ Entspricht dem Verursachungsprinzip der BEBU am besten, stellt aber hohe Anforderungen an die Betriebsdatenerfassung.
- Beispiel: Fräsmaschine 50'000 CHF, geschätzte 10'000 Mh. Abschreibung pro Mh = 5 CHF. Bei 2'000 Mh im Jahr = 10'000 CHF Abschreibung.
- ⚠️ Sachliche Abgrenzung: Entsteht, wenn FIBU und BEBU unterschiedliche Abschreibungsverfahren anwenden.
6. 🚗 Leasing
Leasing ist eine Finanzierungsalternative für Sachanlagen.
6.1. Finanzierungsleasing vs. Operatives Leasing
- Finanzierungsleasing:
- Wirtschaftlich einem Kauf gleichzusetzen. Absicht, das Leasingobjekt bis zum wirtschaftlichen Nutzungsende zu behalten.
- FIBU: Barwert der Anlage wird aktiviert und als Leasingverbindlichkeit passiviert. Leasingraten werden in Zins- und Rückzahlungsteil aufgeteilt. Anlage wird abgeschrieben.
- BEBU: Aktivierter Barwert wird nach betriebswirtschaftlichen Kriterien abgeschrieben. Zinsteil wird sachlich abgegrenzt oder verrechnet.
- Operatives Leasing:
- Wirtschaftlich einer Miete gleichzusetzen. Keine Absicht zur Übernahme am Ende der Leasingdauer.
- FIBU: Nicht bilanziert. Leasingraten werden direkt als Leasing- oder Mietaufwand erfasst.
- BEBU: Leasingraten werden direkt als Aufwand/Kosten verbucht.
- ⚠️ Sachliche Abgrenzung: Beim Finanzierungsleasing können Abgrenzungen bei Abschreibungen und Zinsen entstehen.
7. 🏷️ Diverse Kostenarten
Neben den Hauptkategorien gibt es weitere Kostenarten, die verursachungsgerecht zuzuordnen sind.
- Versicherungen:
- Einzelkosten (EK): Produkthaftpflicht (dem Kostenträger).
- Gemeinkosten (GK): Betriebsunterbruch (Kostenstelle Geschäftsleitung), Gebäudeversicherung (Kostenstelle Gebäude), Sachversicherungen (Kostenstellen gemäss Anlagenbuchhaltung).
- Werbung:
- Produktewerbung: EK, direkt dem Kostenträger belastet.
- Imagewerbung: GK, dem Vertrieb belastet.
- Energie:
- Wenn möglich, den verursachenden Kostenstellen zugerechnet (Rechnung, Messgeräte).
- Andernfalls einer zentralen Kostenstelle Energie belastet (z.B. bei hausinterner Energiezentrale).
- Steuern:
- Gewinnsteuern: Nicht als Kosten, sondern als Gewinnverwendung betrachtet. In der BEBU sachlich abgegrenzt. Kostenträger zeigen Betriebserfolg vor Steuern.
- Kapitalsteuern: Unwesentlich, vernachlässigt oder den Verwaltungsstellen belastet.
💡 Fazit
Die präzise Erfassung und Zuordnung von Kosten- und Ertragsarten in der Betriebsbuchhaltung ist entscheidend für eine fundierte Unternehmenssteuerung. Ein detailliertes Verständnis der Unterschiede zwischen FIBU und BEBU sowie der jeweiligen Prinzipien und Methoden ist unerlässlich, um eine realistische Abbildung der Kostenstruktur und eine verlässliche Basis für Kalkulationen und Entscheidungen zu gewährleisten.








