📚 Studienmaterial: Strategien der Einstellungsänderung und Werbewirkung
Dieses Studienmaterial wurde aus Vorlesungsfolien (kopierter Text) und einem Audiotranskript der Vorlesung "Markt- & Werbepsychologie" von Prof. Dr. Mandy Nuszbaum (WS 2024/2025) zusammengestellt.
💡 Einleitung
Die Markt- und Werbepsychologie untersucht, wie Einstellungen geformt und verändert werden können und welche Modelle die Wirkung von Werbung erklären. Dieses Material beleuchtet grundlegende Strategien zur Einstellungsänderung, die Bedeutung des Wissens um Beeinflussungsabsichten sowie zentrale Werbewirkungsmodelle und die Relevanz von Zielgruppen und Reichweiten. Es zeigt, wie psychologische Prinzipien im Marketing und in der Kommunikation angewendet werden, um Meinungen und Verhaltensweisen zu beeinflussen.
1. 🔄 Strategien der Einstellungsänderung
Die Änderung von Einstellungen ist ein zentrales Ziel in Marketing und Kommunikation. Verschiedene psychologische Mechanismen können hierbei genutzt werden.
1.1. Einstellungsänderung durch Erfahrungen
✅ Hauptquelle: Eigene oder fremde Erfahrungen sind oft die primäre Quelle unserer Meinungen. 💡 Beispiel: Ein Fahrzeugmodell (z.B. Sayonara 2030) wird in Tests als haltbar und sicher bewertet, was zu einer positiven Einstellung führt. Berichtet jedoch ein Bekannter von wiederholten Werkstattbesuchen mit demselben Modell, kann sich die Einstellung ändern, obwohl dies statistisch ein Einzelfall ist. Die konkrete Erfahrung eines Bekannten hat oft eine höhere Plausibilität als statistische Daten.
1.2. Weitere Strategien zur Einstellungsänderung
Neben direkten Erfahrungen gibt es weitere bewährte Strategien:
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Glaubwürdigkeit 📚
- Faktoren: Kompetenz (Expertise) und Vertrauenswürdigkeit (Hoveland, Irving & Harold, 1953).
- Erreichung durch:
- Overhearing: Empfänger fühlen sich nicht als direkte Adressaten, sondern hören nur mit (z.B. zwei Frauen unterhalten sich in der Werbung über Activia). Die Beeinflussungsabsicht wird seltener vermutet.
- Spontane, unkontrollierte Kommunikation: Beeinflussungsabsichten werden in beiläufigen Äußerungen seltener wahrgenommen (z.B. "Slice-of-Life"- oder Testimonial-Werbung bei Fielmann oder Knoppers).
- Zweiseitige Argumentation: Das Vertreten einer Botschaft entgegen den eigenen Interessen steigert die Glaubwürdigkeit (z.B. Smart-Werbung, die Pro- und Kontra-Argumente nennt).
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Zweiseitige Argumentation 📊
- Wirkung: Gilt als sehr wirksame Strategie, da der Kommunikator glaubwürdiger wirkt, wenn er neben Vorteilen auch Nachteile darlegt.
- Empfehlungen:
- Nicht mehr als zwei Fünftel der Argumente sollten negativ sein (Crowley & Hoyer, 1994).
- Contra-Argumente zuerst präsentieren, um den Recency-Effekt für positive Argumente zu nutzen (Eisend, 2006).
- Besonders effektiv, wenn der eingeräumte Nachteil (z.B. hoher Preis) einen Vorteil (z.B. hohe Qualität) erwarten lässt (Pechmann, 1992).
- Gegenargumente sollten klein und unbedeutend erscheinen oder im selben Atemzug entkräftet werden.
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Immunisierung 🛡️
- Impfeffekt (McGuire, 1961, 1964): Erfolglose Beeinflussungsversuche können die ursprüngliche Meinung des Empfängers stärken und ihn gegen künftige Beeinflussung immunisieren.
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Selbstüberredung 🗣️
- Prinzip: Eine der zuverlässigsten Quellen für beeinflussende Kommunikation ist die eigene Person.
- Anwendung: Wenn eine Person überzeugt werden soll, ist es am effektivsten, sie die Argumente selbst entwickeln zu lassen.
- Effekt: Durch tiefere Verarbeitung werden die Argumente besser behalten und die Einstellung stabiler (zentrale Route im ELM, Petty & Cacioppo, 1986).
- Endowment-Effekt: Die bloße Vorstellung über den Besitz eines Produktes kann die Einstellung ändern (Gregory et al., 1982).
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Explizite Schlussfolgerung 🤔
- Wirkung: Werbespots, die entscheidende Schlussfolgerungen auslassen, besitzen bei hohem Involvement eine größere Überzeugungskraft.
- Generierungseffekt (Slamecka & Graf, 1978): Selbst generierte Argumente sind wirkungsvoller als vorgetragene, da sie kognitive Anstrengung erfordern, tiefer verarbeitet werden und tiefere Gedächtnisspuren hinterlassen.
2. 🧠 Wissen um die Beeinflussungsabsicht
Menschen reagieren nicht passiv auf Beeinflussungsversuche. Ihr Wissen und ihre Erwartungen spielen eine entscheidende Rolle.
2.1. Widerstand gegen Beeinflussung (Reaktanz)
⚠️ Reaktanz: Menschen reagieren generell mit Widerstand auf Versuche, ihre Meinung zu beeinflussen.
- Die bloße Erwartung eines Beeinflussungsversuchs führt zu Widerstand, unabhängig vom Inhalt.
- Reaktanz äußert sich oft in einer verzerrten Informationsverarbeitung: Die persuasive Botschaft wird abgewertet, angezweifelt oder ignoriert.
- Ausnahme: Bei geringer persönlicher Relevanz kann eine Vorwarnung sogar vorauseilende Zustimmung erzeugen (Wood & Quinn, 2003).
2.2. Persuasion Knowledge Model (PKM; Friestad & Wright, 1994)
Dieses Modell geht davon aus, dass sowohl Empfänger (Konsumierende) als auch Sender (Unternehmen) eines Beeinflussungsversuchs Ziele verfolgen.
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Umgang mit dem Beeinflussungsversuch: Konsumierende sind aktiv und nicht passiv. Sie setzen sich aktiv Werbung oder Verkäuferverhalten aus und haben eigene Ziele.
- Sie prüfen Expertise und Glaubwürdigkeit.
- Sie stellen sicher, dass ihr Anliegen verstanden wurde.
- Sie versuchen, durch Smalltalk eine Beziehung herzustellen.
- Sie gestalten die Situation mit (z.B. durch Einbeziehung Dritter).
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Wissen über Strategien:
- Praktiker und Konsumierende wissen oft erstaunlich wenig über die Wirksamkeit von Beeinflussungsstrategien (z.B. Überschätzung von Priming, Unterschätzung von Konditionierung, Nickel, 1997).
- Menschen halten andere für beeinflussbarer als sich selbst (Moser & Hertel, 1998).
- Paradox: Je mehr Personen glauben, die Mechanismen der Beeinflussung durchschaut zu haben, desto beeinflussbarer sind sie, da sie sich "immun" wähnen (Sagarin et al., 2002).
- Signale für Beeinflussung: Parteilichkeit, rhetorische Fragen, Vergleiche, Product Placement, Schmeichelei, teure Einstiegsangebote, unvollständige Vergleiche, Verknüpfung mit wichtigen Themen (z.B. Kinder, Gesundheit).
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Wissen über den Gegenstand:
- Annahmen über Produkte (z.B. "Dieser Kameratyp ist veraltet") können entscheidend sein, auch wenn sie nicht immer valide sind.
- Winners Curse: In Verhandlungen nimmt die Verkaufsperson nur Angebote an, bei denen die Kundschaft ein schlechtes Geschäft macht, weil ein Beteiligter mehr über den Gegenstand weiß (Bazerman & Neale, 1992).
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Wissen über Sender/Empfänger:
- Annahmen über Sender (z.B. Verkäufer) basieren auf Stereotypen oder persönlicher Erfahrung.
- Die Bereitschaft zur Beeinflussung ist höher, je geringer eine Beeinflussungsabsicht unterstellt wird.
- Das Gefühl, Informationen selbst auswählen zu können (z.B. im Internet), verbessert die Bewertung des Senders und steigert die Kaufbereitschaft (Schlosser & Shavitt, 2009).
3. 📈 Modelle der Werbewirkung
Werbewirkungsmodelle helfen, die komplexen Prozesse der Werbung zu verstehen und zu gestalten.
3.1. Funktionen von Werbewirkungsmodellen
- ✅ Erklärung der Entstehung von Werbewirkung.
- ✅ Ableitung von Gestaltungsempfehlungen.
- ✅ Verwendung von Testmethoden.
- ✅ Begründung von Werbezielen.
3.2. Auswahl an Modellen
Es gibt eine Vielzahl von Modellen, die unterschiedliche Aspekte der Werbewirkung erklären.
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Behavioristische Modelle
- Stimulus-Response (S-R) Modell: Ein Stimulus löst direkt eine Reaktion aus (z.B. gute Persil-Werbung führt zum Kauf von Persil).
- Stimulus-Organismus-Response (S-O-R) Modell: Bezieht den "Organismus" (Kognitionen, Emotionen, Lernen, Motivation, Einstellungen, Persönlichkeit) zwischen Stimulus und Reaktion ein (z.B. Freund schwärmt von Energy Drink (Stimulus) -> Motivation (Organismus) -> Kauf (Response)).
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Hierarchische Modelle
- AIDA-Modell (Attention, Interest, Desire, Action; Lewis, 1898): Beschreibt eine lineare Abfolge von der Aufmerksamkeit bis zur Kaufhandlung.
- Kritik: Unterstellt, dass Werbung immer auf ähnliche Weise wirkt; der Mensch ist nicht passiv, sondern filtert Werbereize durch persönliche Bedürfnisse.
- Weiterentwicklungen: AIDCA (Conviction), AIETA (Evaluation, Trial, Adoption).
- Drei-Hierarchie-von-Effekten Modelle (Ray, 1973): Unterscheiden je nach Involvement und Unterscheidbarkeit der Alternativen:
- 1️⃣ Lernhierarchie (learn – feel – do): Hohes Involvement, klar unterscheidbare Alternativen (z.B. Auto-/Hauskauf). Lernen -> Einstellungsänderung -> Verhaltensänderung.
- 2️⃣ Dissonanz-Attributions-Hierarchie (do – feel – learn): Hohes Involvement, kaum unterscheidbare Alternativen (z.B. Schmuck, Mode). Verhaltensänderung -> Einstellungsänderung -> Lernen.
- 3️⃣ Geringes-Involvement-Hierarchie (learn – do – feel): Geringes Involvement, kaum unterscheidbare Alternativen (z.B. Alltagsprodukte). Lernen -> Verhaltensänderung -> Einstellungsänderung.
- AIDA-Modell (Attention, Interest, Desire, Action; Lewis, 1898): Beschreibt eine lineare Abfolge von der Aufmerksamkeit bis zur Kaufhandlung.
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Zwei-Prozess Modelle
- Berücksichtigen das Involvement als wichtige Weiche für die Werbewirkung (z.B. Elaboration-Likelihood Model).
- Alternatives-Wege Modell (Batra & Ray, 1985):
- Hohes Involvement: Inhaltliche Argumente der Werbung sind ausschlaggebend. Effekte übertragen sich auf Einstellungen, dann Kaufabsicht und Handlung.
- Geringes Involvement: Sympathie für die Vorführung (Werbegestaltung) und Darbietungshäufigkeit sind wichtiger. Diese beeinflussen die Einstellung zur Werbung und indirekt/direkt die Kaufabsicht. Die Einstellung zum Produkt ändert sich oft erst nach dem Kauf oder gesammelten Erfahrungen.
4. 🎯 Zielgruppen und Reichweite
Im Marketing ist es entscheidend, die richtigen Personen zu erreichen, nicht nur möglichst viele.
4.1. Reichweite
- Effektive Werbung: Erreicht die richtigen Adressaten.
- Tausend-Kontakt-Preis (TKP): Ermittlung der Reichweite (Werbekosten / Anzahl Leser) * 1000.
- Überlappungen:
- Externe Überlappung: Dieselben Leser lesen Anzeigen in verschiedenen Zeitschriften.
- Interne Überlappung: Dieselben Leser sehen dieselbe Anzeige in aufeinanderfolgenden Ausgaben.
4.2. Zielgruppenbestimmung
- Soziodemografie: Wissen über Alter, Geschlecht, Familienstand ist oft unzureichend, da es keine Rückschlüsse auf Lebensstile zulässt (z.B. zwei 75-jährige Frauen mit hohem Einkommen können sehr unterschiedliche Lebensstile haben).
- Lebensstiltypologien (z.B. Sinus-Milieus):
- Liefern wertvolle Informationen für Marktsegmentierung und Produktpositionierung, wenn Reliabilität und Validität gegeben sind.
- Anwendungspotenzial:
- Strategisch: Erlebnisorientierte Verankerung von Produkten.
- Operativ: Kriterium für Media-Selektion, Warenpräsentation.
- International: Berücksichtigung kultureller Werte.
- Self-expression: Ermöglichen Konsumierenden individuelle Differenzierung.
- Frühwarnsystem: Erkennen von Wertewandel im Markt.
- Risiken:
- Zielgruppe kann an Bedeutung verlieren, Marktpotenzial wird zu klein.
- Lifestyle-Marken sind oft teurer; Konsumierende sind nicht immer bereit, den Preis zu zahlen, wenn die Erlebniswelt nicht mehr attraktiv ist.
- Ständiger Aufwand, um "am Puls der Zeit" zu bleiben.
- Grenzen von Typologien:
- Entwicklung einzelner Typen ist nicht immer nachvollziehbar.
- "Klingende" Namen können von tatsächlichen Daten ablenken (Scheinexaktheit).
- Produktion von "Kunsttypen" (Artefakte quantitativer Verfahren).
- Hoher Erhebungsaufwand führt zu seltenen Updates, Wertewandel wird unvollkommen wiedergegeben.








