Dieses Studienmaterial wurde aus einer Kombination von Vorlesungsfolien (Felser, 2015; Myers, 2014; Spering und Schmidt, 2012; Raab, Unger und Unger, 2010; Kroeber-Riel und Gröppel-Klein, 2013; Hartmann und Haupt, 2014; Haddock und Maio, 2014; Jonas et al., 2014; Zentes, 2006; Gelbrich, Wünschmann und Müller, 2008) und einem Vorlesungs-Audiotranskript erstellt.
Psychophysik in Werbung und Konsumentenverhalten 🧠🛍️
Die Psychophysik untersucht die Beziehung zwischen physikalischen Reizen und den psychischen Empfindungen, die sie hervorrufen. Im Kontext von Werbung und Konsumentenverhalten ist sie entscheidend, um zu verstehen, wie Konsumenten Reize wahrnehmen und darauf reagieren.
1. Grundlagen der Psychophysik 📚
1.1 Reiz- und Empfindungsschwelle
Die Reiz- oder Empfindungsschwelle beschreibt die minimale Intensität eines Reizes, bei der Menschen beginnen, etwas wahrzunehmen.
- ✅ Bei schwachen Reizen kann derselbe Reiz von derselben Person einmal wahrgenommen werden, ein anderes Mal jedoch nicht.
- 📚 Absolute Reiz-/Empfindungsschwelle: Die Intensität, bei der die Entdeckungswahrscheinlichkeit 50 % beträgt.
1.2 Unterschiedsschwelle
Die Unterschiedsschwelle verdeutlicht, wie stark sich Reize physikalisch unterscheiden müssen, damit der Unterschied subjektiv wahrgenommen wird.
- ✅ Die Unterschiedsschwelle ist zur Reizintensität konstant proportional (Weber'sches Gesetz).
- 💡 Beispiel: Je mehr Salz bereits in Wasser ist, desto mehr zusätzliches Salz muss hinzugefügt werden, damit der Unterschied geschmeckt wird.
1.3 Empfindungsmessung 📊
Zur Messung von Empfindungen werden verschiedene Methoden eingesetzt:
- 1️⃣ Grenzmethode: Reize werden in auf- oder absteigender Folge präsentiert (z. B. Ton), und Versuchspersonen geben an, ob sie den Reiz bemerken.
- 2️⃣ Herstellungsmethode: Reize werden kontinuierlich dargeboten (z. B. immer lauter werdende Töne), und Versuchspersonen identifizieren die Reizstärke, ab der sie gerade nichts mehr hören oder etwas zu hören beginnen.
- 3️⃣ Konstanzmethode: Diskrete Reize unterschiedlicher Stärke werden in zufälliger Anordnung präsentiert. Versuchspersonen sollen pro Durchgang sagen, ob sie etwas bemerken oder nicht. Diese Methode ist aufwendiger, aber genauer.
2. Anwendung der Psychophysik in Werbung und Konsumentenverhalten 💡
Die Psychophysik erklärt, warum physikalische Veränderungen von Reizen (z. B. Verpackungen, Preise) subjektiv nicht immer im gleichen Maße wahrgenommen werden. Sie hilft bei der Gestaltung von Marketingmaßnahmen.
2.1 Anzeigengröße
- ✅ Große Anzeigen: Führen oft zu mehr Schriftarten, Wörtern, größeren Buchstaben und längeren Betrachtungszeiten. Sie gehen mit aufmerksamkeitsfördernden Effekten einher (Scott, 1908; Hadley, 1950).
- ⚠️ Relative Größe: Wichtiger als die absolute Größe ist die Größe im Verhältnis zum Medium (Ulin, 1962).
- 💡 Beispiel: Eine doppelseitige Anzeige (2:1) in einem Wochenmagazin kann mehr als doppelt so lange Betrachtungszeiten erhalten wie eine einseitige (1:1).
2.2 Preisschwellen und Geldausgeben
- ✅ Die Psychophysik ermöglicht die Bestimmung von Preisschwellen, d. h. Preisen, bis zu denen ein Produkt noch gekauft wird.
- 💡 Beispiel: Der Preis eines weiteren Artikels am Ende eines Einkaufs (z. B. Kassenware, Accessoires zu Bekleidung, Zubehör zu Autos) wird oft als weniger gravierend wahrgenommen als zu Beginn.
2.3 Mogelpackungen
- ✅ Unternehmen reduzieren Füllmengen, während der Preis gleich bleibt oder steigt. Die Veränderung liegt oft unterhalb der Unterschiedsschwelle, sodass sie nicht sofort bemerkt wird.
- 📊 Beispiel: Eine Preiserhöhung von 47 % oder eine Reduzierung der Füllmenge bei gleichem Preis, wie bei Mineralwasser von 1,5 l auf 1,0 l bei gleichzeitiger Preiserhöhung von 0,99 € auf 1,80 € (+81%).
2.4 Imagewandel
- ✅ Um eine Marke als neuartig wahrzunehmen, muss der Unterschied zur vorherigen Markenpositionierung sehr groß sein, um die Wahrnehmungsschwelle zu überschreiten.
- 💡 Beispiel: Jägermeister richtet sich mit einem neuen Claim und Markendesign an eine jüngere Generation, um einen modernen Imagewandel zu signalisieren.
3. Sinneswahrnehmung und multisensorisches Erleben 👁️👂👃✋
3.1 Bottom-up und Top-down Prozesse
- 📚 Empfindung: Prozess, bei dem Sinnesrezeptoren Reizenergien aus der Umwelt empfangen.
- ✅ Bottom-up-Verarbeitung: Aufsteigende, datengesteuerte Informationsverarbeitung, die bei den Sinnesrezeptoren beginnt und bis zur Integration im Gehirn erfolgt.
- 📚 Wahrnehmung: Prozess, bei dem sensorische Informationen organisiert und interpretiert werden, um Bedeutung zu erkennen.
- ✅ Top-down-Verarbeitung: Absteigende, konzeptgesteuerte Informationsverarbeitung, die durch höhere mentale Prozesse, Erfahrungen und Erwartungen beeinflusst wird.
3.2 Gestaltprinzipien der Wahrnehmung
Diese Prinzipien beschreiben, wie wir Elemente gruppieren und zu sinnvollen Ganzen zusammenfügen:
- ✅ Ähnlichkeit: Ähnliche Elemente werden eher gruppiert.
- ✅ Nähe: Nahe beieinander liegende Elemente werden eher gruppiert.
- ✅ Gute Fortsetzung: Elemente werden so gruppiert, dass kontinuierliche Linien entstehen.
- ✅ Gemeinsames Schicksal: Elemente, die sich in gleicher Richtung und Geschwindigkeit bewegen, werden gruppiert.
- ✅ Prägnanz/Gestalt: Mehrdeutige Elemente werden als prägnante Formen interpretiert.
- ✅ Geschlossenheit: Strukturen werden bevorzugt als geschlossen wahrgenommen.
- ✅ Figur und Grund: Szenen werden in eine hervorstechende Figur und einen Hintergrund unterteilt.
- 💡 Anwendung: Reize und Reizgruppen, die eine gute Gestalt aufweisen, werden schneller wahrgenommen, identifiziert und prägen sich leichter ein (z. B. im Ladenlayout, bei Farbwahl, Werbegestaltung).
3.3 Multisensorisches Marketing
- 📚 Definition: Gleichzeitige Ansprache mehrerer Sinne.
- ✅ Vorteile: Steigert Aufmerksamkeit, involviert, beeinflusst Gefühlszustände, erhöht Glaubwürdigkeit und Vertrauen, steigert Erinnerungsrate, verbessert Produkt- und Storeevaluation, steigert Absatzzahlen.
- 📊 Beispiele:
- Kaffee aus Pappbechern schmeckt anders als aus echten Tassen.
- Kakao aus orange- oder cremefarbenen Tassen schmeckt am besten.
- AIDA-Kampagne: 41 % mehr Reisebuchungen durch multisensorisches Mailing.
- Smart-Kampagne: 16 % der Empfänger forderten Informationen an.
4. Aufmerksamkeit 🎯
4.1 Aufmerksamkeitsregulation
- ✅ Kontrollierte (endogene) Prozesse: Aufmerksamkeit ist begrenzt und selektiv, hängt von Wahrnehmungszielen ab.
- ✅ Automatische (exogene) Prozesse: Umgebungsreize können unwillkürlich Aufmerksamkeit binden (z. B. Cocktailparty-Effekt).
4.2 Reizverarbeitung ohne Aufmerksamkeit
- ✅ Informationsverarbeitung kann auch ohne bewusste Aufmerksamkeit erfolgen.
- 💡 Vorteil für Unternehmen: Inhalte werden weniger kritisch geprüft, automatische Prozesse (Heuristiken) kommen zur Anwendung.
- ⚠️ Für Einstellungsänderungen ist ein mittleres Aufmerksamkeitsniveau am besten (geringere Gegenargumente).
4.3 Aufmerksamkeitssteuerung
- Formale Gestaltung:
- Farbe und Kontrasteffekt
- Mehrdeutigkeit und Neuartigkeit (z. B. unvollständige Werbeslogans)
- Intensität und Menge
- Größe
- Bewegung
- Platzierung (z. B. obere/rechte Teile des visuellen Feldes, Augenhöhe im Regal)
- Konkrete Inhalte:
- Neuartige Reize, die von Erwartungen abweichen
- Aktuelles Tagesgeschehen, Modeerscheinungen/Trends
- Intellektuelle Anregungen (Rätsel, Neugierfragen)
- Versprechen
- Schlüsselreize (Erotik, Kindchenschema)
4.4 Priming
- 📚 Priming: Unbewusste Beeinflussung der Wahrnehmung und des Verhaltens durch vorherige Reize.
- ✅ Priming von Metaphern: Weckt Assoziationen (z. B. Schwarz/Weiß für Premiumprodukte, schweres Clipboard für höhere Ausgabebereitschaft).
- ✅ Priming von Zielen: Steuert Verhalten (z. B. Zitrusduft führt zu saubererem Verhalten).
- ✅ Unterschwelliges Priming (Subliminal): Darbietung von Reizen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.
- ⚠️ Die Behauptung von Vicary (1957) über massive Verkaufssteigerungen durch unterschwellige Botschaften im Kino wurde widerlegt.
- 💡 Spätere Studien (Karremans et al., 2006) zeigen, dass subliminales Priming vorhandene Bedürfnisse verstärken kann, insbesondere wenn Konsumenten durstig sind oder der Prime in einem positiven Kontext eingebettet ist.
5. Konditionierung in der Werbung 🐕🔔
5.1 Klassische Konditionierung
- 📚 Signallernen: Ein neutraler Stimulus (NS) wird durch wiederholte Kopplung mit einem unkonditionierten Stimulus (US) zu einem konditionierten Stimulus (CS), der eine konditionierte Reaktion (CR) auslöst.
- ✅ Ablauf: NS + US → UR; CS → CR.
- ⚠️ Problem in der Werbung: Die Signalfunktion des Produktes für den US ist oft instabil (z. B. Nespresso ohne George Clooney). Der CS darf nicht redundant sein.
5.2 Evaluative Konditionierung
- 📚 Assoziatives Lernen: Aufbau von Assoziationen, bei denen ein Produkt oder eine Marke durch die Kopplung mit positiven Reizen aufgewertet wird.
- ✅ Unterschiede zur klassischen Konditionierung:
- Raum-zeitliche Kopplung zwischen CS und US ist hinreichend, muss aber nicht erkannt werden.
- Konditionierte Reaktion ist robuster und weniger anfällig für Löschung.
- Kein Blocking-Effekt.
- 📊 Experiment Kroeber-Riel (1979): Zeigte, dass emotionale Konditionierung von Marken bei wenig involvierten Personen stoßkräftige emotionale Reize und zahlreiche Wiederholungen erfordert.
- ✅ Konditionierung höherer Ordnung: Ein bereits konditionierter Stimulus dient als Basis für weitere Konditionierungen (z. B. HOBA Seife wird exklusiv, dann SEMO Ordner durch HOBA).
- 💡 Beispiele: Mercedes "Happy Holidays with Love", Landliebe Sahnepudding "Seifenkiste" nutzen positive Emotionen zur Markenaufwertung.
5.3 Nonevaluative Konditionierung
- ✅ Konditionierung jenseits der positiv/negativ-Dimensionen, z. B. auf Größe, Farbe, Schnelligkeit oder Formen.
- 💡 Beispiel: Kopplung eines Pizzadienstes (NS/CS) mit einem Rennwagen (US) kann die Assoziation von "schneller Lieferung" (UR/CR) hervorrufen.








