Dieses Lernmaterial wurde aus einem bereitgestellten kopierten Text und einem Vorlesungsaudio-Transkript erstellt.
📚 Produkt- und Preispolitik: Ein umfassender Leitfaden
Dieses Lernmaterial bietet einen detaillierten Überblick über die Produkt- und Sortimentspolitik sowie die Preispolitik von Unternehmen. Es beleuchtet die strategischen Überlegungen, die zur Festlegung eines optimalen Leistungsangebots und zur Gestaltung wettbewerbsfähiger Preise erforderlich sind.
1. Produkt- und Sortimentspolitik
Die Produkt- und Sortimentspolitik befasst sich mit der Gestaltung des Leistungsangebots eines Unternehmens. Ziel ist es, ein optimales Leistungsprogramm festzulegen, das Fragen wie "was?", "wie viel?" und "wann?" beantwortet.
1.1 Grundlegende Begriffe ✅
- Produktgruppen: Werden typischerweise in Industrieunternehmen verwendet.
- Artikel / Ware / Warengruppen: Beziehen sich eher auf den Handel.
- Sortiment 📚: Die Gesamtheit aller Leistungen, die ein Unternehmen anbietet. Bei Industrieunternehmen kann dies eine Mischung aus produzierten Erzeugnissen, Handelswaren und Dienstleistungen sein.
- Produktprogramm 📚: Die Gesamtheit aller Produkte, die ein Industrieunternehmen anbietet.
- Sorte 📚: Die kleinste Sortimentseinheit, die sich z. B. hinsichtlich Farbe, Größe oder Verpackungseinheit unterscheidet.
1.2 Sortimentsbreite und Sortimentstiefe 📊
Um das Sortiment, insbesondere bei mittelständischen und großen Unternehmen, überschaubar zu halten, ist eine Gliederung vorteilhaft.
- Produktions- oder Sortimentsbreite 📚: Gibt an, wie viele verschiedene Produktgruppen (bzw. Warengruppen im Handel) ein Unternehmen anbietet.
- Breites Sortiment: Besteht aus vielen Produktgruppen.
- Produktions- oder Sortimentstiefe 📚: Informiert über die Anzahl der Varianten innerhalb einer Produktgruppe (bzw. Artikel oder Sorten im Handel).
- Flaches Sortiment: Geringe Auswahl an Varianten.
- Tiefes Sortiment: Viele Varianten innerhalb einer Produktgruppe.
Beispiel: Fly Bike Werke GmbH 💡 Ein Fahrradhersteller bietet folgende Produktgruppen an:
- Mountainbike: Herrenmodell, Damenmodell (Tiefe: 2 Varianten)
- Trekkingrad: Herrenmodell, Damenmodell, Kindermodell, Seniorenmodell (Tiefe: 4 Varianten)
- Cityrad: Damenmodell (Tiefe: 1 Variante) In diesem Beispiel ist die Sortimentsbreite 3 (Mountainbike, Trekkingrad, Cityrad). Beim Trekkingrad ist die Sortimentstiefe am größten.
1.3 Sortimentspolitische Strategien 📈
Durch die Verbreiterung oder Vertiefung des Sortiments können Unternehmen für Kunden attraktiver werden und Wettbewerbsvorteile erzielen.
- Universalstrategie:
- Prinzip: „Von allem etwas“.
- Merkmal: Breites Sortiment, spricht viele Kunden an.
- Nachteil: Individuelle Wünsche nach speziellen Produktvarianten können nicht immer befriedigt werden.
- Beispiel: Große Supermarktketten, die ein breites Sortiment täglich benötigter Lebensmittel anbieten.
- Spezialisierungsstrategie:
- Prinzip: „Weniger Angebot, dafür aber richtig intensiv“.
- Merkmal: Konzentration auf einen bestimmten, begrenzten Markt mit vielen Produktvarianten.
- Beispiel: Fachgeschäfte (z. B. Süßwarengeschäft, Sportfachgeschäft).
- Differenzierungsstrategie:
- Merkmal: Sortiment wird um Produkte aus der bereits bearbeiteten Branche verbreitert.
- Risiko: „Sortimentskannibalismus“ – neue Produkte machen bestehenden Angeboten Konkurrenz.
- Diversifikationsstrategie:
- Merkmal: Sortiment wird durch völlig neue Produkte aus anderen Branchen verändert.
- Ziel: Risikostreuung.
- Voraussetzung: Unterschiedliche Branchen müssen sich ergänzen.
- Risiko: Zersplitterung des Sortiments.
Wichtiger Hinweis ⚠️: Angesichts zunehmenden Wettbewerbs konzentrieren sich viele Unternehmen wieder stärker auf ihr Kernsortiment, da umfangreiche Differenzierungs- und Diversifikationsmaßnahmen hohe Kosten und oft nur bescheidene Erfolge mit sich bringen. Es ist unmöglich, mit einem Produkt oder Sortiment alle Marktteilnehmer gleichzeitig anzusprechen.
2. Preispolitik
Die Preispolitik umfasst alle Überlegungen, Planungen und Entscheidungen, die den Preis und weitere Konditionen betreffen. Sie ist entscheidend, da der Preis bei geringer Produktunterscheidung ein immer wichtigeres Kaufkriterium wird.
2.1 Preisstrategien zur Markteinführung neuer Produkte 🚀
Preisstrategien sind langfristige Ausrichtungen der Preisgestaltung.
- Penetrationsstrategie:
- Ziel: Schnelle Erzielung hoher Umsätze und Erschwerung des Marktzutritts für die Konkurrenz durch einen relativ niedrigen Preis.
- Dauerhafte Anwendung: Niedrigpreisstrategie (oft von Kostenführern oder „Me-too“-Herstellern verfolgt).
- Nachteil: Geringe Gewinnspannen erschweren innovative Produktentwicklungen.
- Skimming-Strategie:
- Ziel: Abschöpfen erheblicher Gewinnspannen durch hohe Preise, um Entwicklungskosten schnell zu amortisieren.
- Anwendung: Besonders bei begehrten Neuprodukten (z. B. Elektronikgeräte).
- Dauerhafte Anwendung: Hochpreisstrategie (häufig bei bekannten Markenartikeln).
2.2 Faktoren der Preisgestaltung 🎯
Die Preisgestaltung kann sich an Kosten, Nachfrage oder Konkurrenz orientieren.
2.2.1 Kostenorientierte Preisgestaltung (from company to market) 💰
- Ansatz: Geht vom Unternehmen aus und basiert auf den anfallenden Kosten.
- Methode: Verkaufspreis (Angebotspreis) wird mittels Zuschlagskalkulation ermittelt.
- Kalkulationsschema für Handelswaren 📝:
- Bareinkaufspreis (Barverkaufspreis des Lieferanten)
- + Bezugskosten
- = Bezugs-/Einstandspreis
- + Handlungskostenzuschlag
- = Selbstkosten
- + Gewinnzuschlag
- = Barverkaufspreis
- Problem: Auf Käufermärkten mit starker Konkurrenz lassen sich kostenbasierte Preise oft nicht durchsetzen (marktferne Preise). Bei sinkender Absatzmenge müssten Preise angehoben werden, was kaufmännisch unsinnig ist.
- Nutzen: Ermittelt den Preis, den das Unternehmen dauerhaft erzielen müsste, um alle Kosten zu decken und Gewinn zu erzielen.
2.2.2 Nachfrageorientierte Preisgestaltung (from market to company) 🗣️
- Ansatz: Ermittelt durch Marktforschung, welchen Preis die meisten Kunden bereit sind zu zahlen.
- Prinzip: Der Preis wird vom Markt vorgegeben, nicht kalkuliert.
- Deckungsbeitrag 📚: Der vom Markt vorgegebene Preis wird stets auf einen noch vorhandenen Deckungsbeitrag überprüft.
Deckungsbeitrag = Barverkaufspreis - variable Kosten- Dient zur Deckung der Fixkosten.
- Mehrstufige Deckungsbeitragsrechnung: Berücksichtigt variable Kosten, produktspezifische Fixkosten, bereichsspezifische Fixkosten und unternehmensfixe Kosten.
- Target Pricing: Wenn nur ein bestimmter Preis durchgesetzt werden kann, versuchen Unternehmen, die Kosten zu senken, bis bei diesem „Zielpreis“ Gewinn gemacht werden kann.
2.2.3 Konkurrenzorientierte Preisgestaltung (from market to company) ⚔️
- Ansatz: Orientiert sich an den Preisen der Mitbewerber.
- Relevanz: Besonders wichtig bei hoher Preistransparenz (z. B. durch Preisvergleich-Anbieter im Internet).
- Preiskämpfe: Können zur Marktbereinigung führen, aber auch Qualität und Innovationsfähigkeit beeinträchtigen, da Gewinnspannen fehlen.
- Dumpingpreise 📚: Verkaufspreise, die unter den Selbstkosten eines Unternehmens liegen. Nur kurzfristig sinnvoll, wenn positive wirtschaftliche Entwicklungen absehbar sind.
2.3 Kurz- und langfristige Preisuntergrenzen 📉
Unternehmen müssen wissen, welchen Preis sie mindestens verlangen müssen.
- Kurzfristige Preisuntergrenze 📚: Liegt in Höhe der variablen Kosten. Der Deckungsbeitrag ist null, es wird kein Beitrag zur Deckung der Fixkosten geleistet.
- Anwendung: Nur kurzfristig und für wenige ausgewählte Produkte, um den Fortbestand des Unternehmens nicht zu gefährden.
- Langfristige Preisuntergrenze 📚: Liegt in Höhe der Selbstkosten. Deckt alle Kosten, erzielt aber keinen Gewinn.
- Anwendung: Dauerhaft nur mit Gewinn (Rentabilität) am Markt Bestand.
- Absolute Preisobergrenze: Der Preis, den der letzte Kunde noch höchstens für das Produkt zu zahlen bereit wäre.
Ziel der Preispolitik: Den Preis im Optimum zwischen Preisobergrenze und Preisuntergrenze zu positionieren, um den Erfolg zu optimieren.
2.4 Psychologische Preisstrategien 🧠
Zusätzlich zu den kosten-, nachfrage- oder konkurrenzorientierten Ansätzen werden psychologische Strategien genutzt:
- Schwellenpreise: Preise knapp unter einer ganzen Zahl (z. B. 2,99 € statt 3,00 €) werden als deutlich günstiger wahrgenommen.
- Kürzere Darstellung: „18 €“ statt „18,00 EUR“ wird psychologisch als niedriger interpretiert.
- Rabatt-Schilder: Große Rabatt-Schilder erwecken den Eindruck eines besonders günstigen Erwerbs.
- Dringlichkeit & Knappheit: Formulierungen wie „Nur für begrenzte Zeit!“ oder „Nur noch 1 Stück auf Lager“ sollen Kunden zum schnellen Kauf motivieren.
Wichtiger Hinweis ⚠️: Keine dieser Strategien kann falsche Preiskalkulationen ausgleichen.
2.5 Preisdifferenzierungsstrategien 🏷️
Preisdifferenzierung 📚: Die gleiche Leistung wird zu unterschiedlichen Preisen angeboten.
- Erfolgsfaktor: Teilmärkte müssen voneinander isoliert werden können, um zu verhindern, dass Hochpreiskäufer auf Niedrigpreismärkte ausweichen.
- Ziel: Neue Kundengruppen erschließen und den Unternehmenserfolg steigern.
Arten der Preisdifferenzierung 🌍⏰👥📦:
- Räumliche Preisdifferenzierung: Eine Leistung wird an verschiedenen Orten zu unterschiedlichen Preisen verkauft.
- Beispiel: Fly Bike Werke GmbH bietet in osteuropäischen Ländern ausgewählte Räder zu niedrigeren Preisen an.
- Zeitliche Preisdifferenzierung: Eine Leistung wird zu verschiedenen Zeiten zu unterschiedlichen Preisen angeboten.
- Beispiel: Fly Bike Werke GmbH bietet in der Herbst- und Wintersaison die Produktpalette günstiger an.
- Personenbezogene Preisdifferenzierung: Je nach Kundengruppe werden für die gleiche Leistung unterschiedliche Preise verlangt.
- Beispiel: Fly Bike Werke GmbH bietet Fahrradvermietern günstigere Preise an.
- Sachliche Preisdifferenzierung: Gleiche Leistungen werden in unterschiedlicher Aufmachung zu verschiedenen Preisen verkauft.
- Beispiel: Diskussion bei Fly Bike Werke GmbH, das Rennrad Superfast mit verändertem Design über Baumärkte zu vertreiben, um das Qualitätsimage nicht zu gefährden.
2.6 Dynamisches Preismanagement 💻
- Definition: Permanente Preisanpassung für ein Produkt an den aktuellen Marktbedarf aufgrund automatischer computerbasierter Algorithmen.
- Faktoren: Berücksichtigt Konkurrenzpreise, aktuelles Angebot und Nachfrage sowie externe Faktoren.
- Anwendung: Üblich in Hotellerie, bei Reiseveranstaltern, Fluganbietern und im Online-Einzelhandel.
- Wichtiger Aspekt ⚠️: Verbraucher müssen die Preisdifferenzierung nachvollziehen können und sich nicht diskriminiert fühlen.
Fazit ✨
Eine strategische Produkt- und Sortimentspolitik sowie eine fundierte Preispolitik sind entscheidend für den langfristigen Unternehmenserfolg. Die bewusste Gestaltung von Sortimentsbreite und -tiefe, die Wahl geeigneter Strategien und eine sorgfältige Abwägung von Kosten, Nachfrage und Wettbewerb, ergänzt durch psychologische Aspekte und differenzierte Preismodelle, ermöglichen es Unternehmen, sich erfolgreich am Markt zu positionieren und wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Die Fähigkeit, flexibel auf Marktbedingungen zu reagieren, ist dabei von größter Bedeutung.








