Studienmaterial: Müllereitechnologie und Mehlqualität
Quellen:
- Kopierter Text (Allgemeine Technologie pflanzlicher Lebensmittel WS 2025/2026, Seiten 1-13)
- Vorlesungstranskript (Einführung in die Müllereitechnologie)
📚 1. Einführung in die Müllereitechnologie
Die Müllereitechnologie befasst sich mit der Umwandlung von Getreidekörnern in Mehl durch Vermahlung. Das Hauptziel ist die Gewinnung von Mehl, wobei im ersten Schritt das Endospermgewebe vom Korn abgetrennt wird. Die Zerkleinerung erfolgt durch eine Kombination aus Druck, Scherung und/oder Schneiden. Anschließend werden die zerkleinerten Partikel durch Sichten nach ihrer Größe getrennt.
🌾 2. Mehltypen und grundlegende Definitionen
2.1 Mehltypen – Ein Maß für den Mineralstoffgehalt
Die Mehltype ist ein zentrales Klassifizierungsmerkmal, insbesondere bei Weizenmehlen. Sie stammt aus der Fachsprache der Müller und Bäcker und gibt den Mineralstoffgehalt des Mehles an. Dieser Gehalt korreliert direkt mit der Helligkeit des Mehles:
- Niedrige Mehltypen (z.B. Type 405) haben einen geringen Mineralstoffgehalt und sind sehr hell.
- Hohe Mehltypen (z.B. Type 1800) sind reich an Mineralstoffen und entsprechend dunkler.
Ermittlung der Mehltype:
- Eine kleine Menge Mehl wird unter Laborbedingungen bei 900 °C in einem Muffelofen verbrannt.
- Die verbleibenden, nichtbrennbaren Bestandteile entsprechen dem Aschegehalt des Mehles.
- Die Mehltype gibt diesen Mineralstoffgehalt in mg pro 100 g Trockenmasse an.
Beispiele für Weizenmehltypen:
- ✅ Type 405: Bis 0,5 mg/kg Mineralstoffe. Bevorzugtes Haushaltsmehl mit guten Backeigenschaften.
- ✅ Type 550: 0,51 – 0,63 mg/kg. Backstark, geeignet für feinporige Teige und als Vielzweckmehl.
- ✅ Type 812: 0,64 – 0,9 mg/kg. Für helle Mischbrote.
- ✅ Type 1050: 0,91 – 1,2 mg/kg. Für Mischbrote oder Haushaltsbackwaren.
- ✅ Type 1600: 1,21 – 1,8 mg/kg. Für dunkle Mischbrote.
2.2 Wichtige Begriffe in der Müllereitechnologie
📚 Grieße: Saubere Endospermanteile mit einer Größe zwischen 1.100 und 350 µm. 📚 Dunste: Reine Endospermanteile mit einer Größe zwischen 350 und 150 µm. Besonders geeignet für Teigwaren, da sie besser abbinden als Grieße. 📚 Kleie: Die Schalenteile des Getreides. 📚 Passage: Jede Stufe der Vermahlung, bei der Mehl entsteht. Üblicherweise gibt es 14 bis 18 Passagen. 📚 Schroten: Ein mehrstufiger Arbeitsvorgang zur schonenden Trennung von Schale und Mehlkern. 📚 Sortieren: Das Absieben des Schrotproduktes nach Größe in Fraktionen wie Grobschrot, Feinschrot, grober/mittlerer/feiner Grieß, grober/feiner Dunst und Mehl. 📚 Ausmahlen: Das Walzen von Grieß und Dunst zu Mehl in einem mehrstufigen Arbeitsvorgang auf glatten Walzen.
⚙️ 3. Vermahlungsprozesse und Anlagentechnik
3.1 Der Walzenstuhl – Herzstück der Vermahlung
Der Walzenstuhl ist das zentrale Gerät in der Müllereitechnologie. Er zerkleinert Getreidekörner hauptsächlich durch zwei Walzen. In einem Walzenstuhl können unterschiedliche Zielsetzungen umgesetzt werden, z.B. die Integration einer Ausmahl- und einer Schrotpassage, die sich durch die Walzenoberfläche unterscheiden.
Einflussfaktoren auf das Mahlergebnis:
- Walzendurchmesser und Arbeitsweg: Ein größerer Walzendurchmesser führt zu einem spitzeren Einzugswinkel und einer längeren Mahlzone, was einen höheren Mehlanfall bewirkt. Ein kleinerer Durchmesser erzeugt mehr Grieß. Größere und kleinere Körner sollten nicht zusammen vermahlen werden.
- Mahlspalt: Der kleinste Walzenabstand ist entscheidend für den Zerkleinerungsgrad.
- Riffelwalzen: Bei der Mehlherstellung werden oft Riffelwalzen eingesetzt, deren strukturierte Oberfläche den Mahleffekt beeinflusst. Bei Weizen kommen sie hauptsächlich in Schrotpassagen zum Einsatz, bei Roggen durchgehend. Form, Tiefe und Anzahl der Riffel sind hierbei relevant.
- Riffelstellungen: Bei zwei Riffelwalzen gibt es vier mögliche Stellungen:
- "Schneide auf Schneide": Erzeugt hohe Schubkräfte, ein grobes Mahlprodukt, geringen Mehlanfall und starke Schalenzerkleinerung.
- "Rücken auf Rücken": Erzeugt höhere Druckkräfte, ein feineres Mahlprodukt, höheren Mehlanfall und geringere Schalenzerkleinerung (weniger Asche).
- Voreilung (Differentialgeschwindigkeit): Die Walzen drehen sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten (z.B. 2,5:1 bei Riffelwalzen). Dies erzeugt Druck-, Scher- und Schubkräfte, die den Kornaufbruch erleichtern.
- Geschwindigkeit und Beschüttung:
- Die Drehzahl beeinflusst Durchsatz und Mahlintensität.
- Eine geringe Beschüttung führt zu starker Schalenzerkleinerung und aschereichen Mehlen.
- Eine hohe Beschüttung kann zu unvollständiger Mehlgewinnung und geringerer Ausbeute führen.
- 💡 Vorteil des Walzenstuhls: Er ermöglicht eine enge Partikelgrößenverteilung.
3.2 Weitere Zerkleinerungs- und Trennverfahren
- Prallauflöser (Hammermühle): Geeignet zur Zerkleinerung von Mehlplättchen. Metallplättchen (Hämmer) an einer schnell drehenden Welle schlagen auf die Partikel. Partikel verlassen die Mühle durch einen Siebrost, wenn sie klein genug sind.
- ⚠️ Nachteil: Führt zu einer breiteren Partikelgrößenverteilung als der Walzenstuhl, da nicht definiert ist, wie oft ein Partikel getroffen wird.
- Plansichter: Trennt das zerkleinerte Produkt nach der Vermahlung in Grob- und Feinanteile.
- Grießputzmaschine: Reinigt Grieße nach dem Zerkleinerungsschritt. Sie trennt Mahlgut nach Größe und spezifischem Gewicht. Durch Luftstrom werden Grieße von anhaftenden Kleie- oder Keimbruchteilen (Köpfen) getrennt.
3.3 Mahldiagramme
📊 Mahldiagramme veranschaulichen den gesamten Prozess vom Korn zum Mehl. Sie zeigen die Abfolge der Passagen (Zerkleinerung + Sichtung), die Fließwege der Mahlfraktionen sowie die Anzahl und Reihenfolge der Verfahrensschritte. Bei Roggen sind prinzipiell weniger Passagen notwendig als bei Weizen, da keine Grieße gebildet werden.
🍞 4. Mehlverarbeitung und analytische Qualitätskontrolle
4.1 Mehlreifung und Lagerung
- Mischen von Mehlchargen: Erfolgt, um gewünschte Eigenschaften zu erzielen. Der Aufmischeffekt kann dazu führen, dass die Volumenausbeute einer Mischung nicht linear ist (größer oder kleiner als die reiner Sorten). Dies wird mit dem Rapid-Mix-Test ermittelt.
- Mehlreifung: Frisch gemahlenes Mehl ist nicht sofort verarbeitbar (schlechte Form, Porung, Farbe). Es muss reifen, ein komplexer biochemischer Prozess.
- Dauer: Besonders wichtig in den ersten 6-8 Wochen nach der Ernte.
- Lagerung: Bei 25-30 °C, unter normalen Bedingungen nicht länger als ein Jahr.
- Veränderungen während der Reifung:
- Lipide erfahren Hydrolyse- und Oxidationsvorgänge, der Gehalt an freien Fettsäuren (FFS) steigt.
- Das Verhältnis von SS- zu SH-Gruppen steigt (korreliert mit Volumenausbeute).
- Oxidationsmittel (z.B. Ascorbinsäure) können die Reifung erheblich verkürzen.
- ⚠️ Risiken bei ungünstiger Lagerung: Ranzigkeit, Säuerung, Schimmelbildung, Schädlingsbefall.
4.2 Analytische Qualitätskontrolle
Drei wichtige Testverfahren zur Beurteilung der Mehl- und Klebereigenschaften in der Mühle:
1️⃣ Farinograph:
- Zweck: Misst die Wasseraufnahmefähigkeit des Mehls und die Konsistenz eines Teiges.
- Messprinzip: Erfasst den Widerstand, den der Teig einem definierten Kneter entgegensetzt.
- Ergebnisse (Farinogramm): Kraft-Zeit-Diagramm, das Aufschluss gibt über:
- Teigentwicklungszeit: Zeit bis zur maximalen Konsistenz.
- Teigstabilität: Zeit, in der die Maximalkurve über 500 FE bleibt.
- Teigerweichung: Beschreibt die Konsistenzveränderung des Teiges.
- 💡 Mehle mit schwachem Kleber haben eine niedrigere Wasseraufnahmefähigkeit und Teigstabilität.
2️⃣ Extensograph:
- Zweck: Bestimmt die Dehnungseigenschaften (Elastizität, Plastizität) eines Weizenteiges.
- Messprinzip: Ein gekneteter Teigstrang wird nach einer Ruhephase (30 °C) bis zum Zerreißen gedehnt, und die dazu nötige Kraft wird aufgezeichnet (Extensogramm).
- Ergebnisse (Extensogramm): Liefert Aussagen über:
- Klebergüte
- Gashaltevermögen
- Gärtoleranz
- Teigführung
- Dehnbarkeit und Dehnwiderstand
- 💡 Wichtig für die Vorhersage des Teigverhaltens in der Bäckerei (z.B. Eignung für Brötchen, Toastbrot, Hartkekse) und zur Prüfung von Mehlbehandlungsmitteln.
3️⃣ Amylograph:
- Zweck: Ermittelt die Verkleisterungseigenschaften von Roggen- oder Weizenmehlen.
- Messprinzip: Eine Mehl-Wasser-Suspension wird kontinuierlich erwärmt und gerührt. Die zunehmende Viskosität durch Stärkeverkleisterung wird als Drehmoment aufgezeichnet (Amylogramm).
- Ergebnisse (Amylogramm):
- Temperatur bei Verkleisterungsbeginn (ca. 60 °C bei Roggen, 70 °C bei Weizen).
- Temperatur im Verkleisterungsmaximum.
- Höhe des Verkleisterungsmaximums.
- 💡 Simuliert den Temperaturverlauf im Backofen und ist wichtig für die teigrheologische Untersuchung.
Diese präzisen Analysen ermöglichen es, Mehle mit den gewünschten Eigenschaften für Bäcker bereitzustellen.








