Studienmaterial: Mittelflussrechnung zum Fonds Nettoumlaufvermögen (NUV)
Dieses Studienmaterial wurde aus folgenden Quellen erstellt:
- © 2026 Verlag SKV AG: Rechnungswesen, Mittelflussrechnung – Geldflussrechnung (Persönliches Exemplar von Arzu Kalebasi, Lengnau BE)
- Audio-Transkript einer Vorlesung zum Thema
📚 1. Einführung in die Mittelflussrechnung und Liquiditätsanalyse
Die Liquidität eines Unternehmens ist ein entscheidender Faktor für dessen Überleben und Erfolg. Ihre Beurteilung kann auf unterschiedliche Weisen erfolgen:
- Statische Liquiditätsanalyse: Basiert auf den Liquiditätsgraden 1 bis 3 und liefert eine Momentaufnahme der Liquidität.
- Dynamische Liquiditätsanalyse: Erfolgt mithilfe von Mittelflussrechnungen, die die Veränderungen der Liquidität über eine Periode hinweg aufzeigen. Diese Rechnungen können auf verschiedenen Fondstypen basieren.
In der Praxis werden primär Geldflussrechnungen verwendet, die auf den flüssigen oder netto-flüssigen Mitteln basieren. Dies ist oft gesetzlich vorgeschrieben:
- ✅ OR 961: Für Unternehmen, die einer ordentlichen Revision unterliegen, sind Geldflussrechnungen ein zwingender Bestandteil des Jahresabschlusses.
- ✅ OR 962: Anerkannte Rechnungslegungsstandards wie Swiss GAAP FER oder IFRS fordern ebenfalls stets Geldflussrechnungen.
Kleinere und mittlere Unternehmen (KMU), die nicht an diese Vorschriften gebunden sind, können ihren Jahresabschluss freiwillig um eine Mittelflussrechnung erweitern. Dabei sind sie in der Ausgestaltung frei. In der schweizerischen Wirtschaftspraxis finden sich immer wieder Beispiele von Mittelflussrechnungen, die auf dem Fondstypus Nettoumlaufvermögen (NUV) basieren.
1.1. Definition des Nettoumlaufvermögens (NUV)
📚 Das Nettoumlaufvermögen (NUV) ist eine Kennzahl, die die kurzfristige Finanzkraft eines Unternehmens misst. Es wird als Differenz zwischen dem Umlaufvermögen und dem kurzfristigen Fremdkapital berechnet.
Formel:
Umlaufvermögen
./. Kurzfristiges Fremdkapital
= Nettoumlaufvermögen (NUV)
📊 2. Anwendungsbeispiel: Mittelflussrechnung zum Fonds NUV
Zur Veranschaulichung der Erstellung einer Mittelflussrechnung zum Fonds NUV und zum Vergleich mit einer Geldflussrechnung dienen die folgenden Daten eines Handelsbetriebs:
2.1. Ausgangsdaten
Schlussbilanzen:
| Aktiven | 20_1 | 20_2 | Passiven | 20_1 | 20_2 | | :------------------ | :--- | :--- | :------------------------ | :--- | :--- | | Flüssige Mittel | 20 | 17 | Verbindlichkeiten L+L | 100 | 110 | | Forderungen L+L | 60 | 80 | Hypotheken | 78 | 96 | | Warenvorrat | 50 | 90 | Eigenkapital (inkl. Gewinn) | 102 | 124 | | Anlagevermögen | 150 | 143 | | | | | Total Aktiven | 280| 330| Total Passiven | 280| 330|
Erfolgsrechnung 20_2:
| Position | Betrag | | :-------------------- | :----- | | Warenertrag | 500 | | ./. Warenaufwand | – 300 | | ./. Personalaufwand | – 80 | | ./. Abschreibungen | – 40 | | ./. Übriger Aufwand | – 50 | | = Gewinn | 30 |
Zusätzliche Angaben:
- Alle Ein- und Verkäufe von Waren erfolgten auf Kredit.
- Es wurden Anlagevermögen zum Buchwert von 7 veräussert und neue Anlagen für 40 erworben.
- Die Gewinnausschüttung betrug 8.
2.2. Erstellung der Mittelflussrechnungen (Direkte Methode)
Basierend auf den obigen Daten lassen sich die Mittelflussrechnung zum NUV und die Geldflussrechnung (Fonds flüssige Mittel) erstellen:
| Mittelflussrechnung zum NUV 20_2 | Betrag | Geldflussrechnung 20_2 | Betrag | | :------------------------------- | :----- | :--------------------- | :----- | | Betriebstätigkeit (direkt) | | Betriebstätigkeit (direkt) | | | Warenertrag | 500 | Zahlungen von Kunden (500 – 20) | 480 | | ./. Warenaufwand | – 300 | ./. Zahlungen an Lieferanten (– 300 – 40 + 10) | – 330 | | ./. Personalaufwand | – 80 | ./. Zahlungen ans Personal | – 80 | | ./. Übriger Aufwand | – 50 | ./. Zahlungen für übrigen Aufwand | – 50 | | Fonds NUV aus Betriebstätigkeit | 70 | Geldfluss aus Betriebstätigkeit | 20 | | | | | | | Investitionstätigkeit | | Investitionstätigkeit | | | ./. Kauf von Anlagevermögen | – 40 | ./. Kauf von Anlagevermögen | – 40 | | + Verkauf Anlagevermögen | 7 | + Verkauf Anlagevermögen | 7 | | Fonds NUV aus Investitionstätigkeit | – 33 | Geldfluss aus Investitionstätigkeit | – 33 | | | | | | | Finanzierungstätigkeit | | Finanzierungstätigkeit | | | + Erhöhung Hypotheken | 18 | + Erhöhung Hypotheken | 18 | | ./. Gewinnausschüttung | – 8 | ./. Gewinnausschüttung | – 8 | | Fonds NUV aus Finanzierungstätigkeit | 10 | Geldfluss aus Finanzierungstätigkeit | 10 | | | | | | | = Zunahme NUV | 47 | = Abnahme flüssige Mittel | – 3 |
2.3. Erstellung der Mittelflussrechnungen (Indirekte Methode)
Der Betriebsbereich kann alternativ auch nach der indirekten Methode dargestellt werden:
| Mittelflussrechnung zum NUV 20_2 (Indirekt) | Betrag | Geldflussrechnung 20_2 (Indirekt) | Betrag | | :------------------------------------------ | :----- | :-------------------------------- | :----- | | Betriebstätigkeit (indirekt) | | Betriebstätigkeit (indirekt) | | | Gewinn | 30 | Gewinn | 30 | | + Abschreibungen | 40 | + Abschreibungen | 40 | | ./. Zunahme Forderungen L+L | – 20 | ./. Zunahme Forderungen L+L | – 20 | | ./. Zunahme Warenvorrat | – 40 | ./. Zunahme Warenvorrat | – 40 | | + Zunahme Verbindlichkeiten L+L | 10 | + Zunahme Verbindlichkeiten L+L | 10 | | Fonds NUV aus Betriebstätigkeit | 30 | Geldfluss aus Betriebstätigkeit | 20 |
⚠️ Wichtiger Hinweis zum Begriff "Cashflow": Die Fondszunahmen aus Betriebstätigkeit werden im deutschen Sprachraum oft als "Cashflow" bezeichnet. Dieser Begriff ist jedoch nur bei der Geldflussrechnung zutreffend, da hier tatsächlich Geld fliesst. Im Kontext der Mittelflussrechnung zum NUV fliesst jedoch Nettoumlaufvermögen und nicht Geld. Daher sollte der Begriff "Cashflow" in Verbindung mit NUV-Rechnungen vermieden werden.
2.4. Nachweis der Fondsveränderungen
Zur Kontrolle können die Fondsveränderungen über die Bilanzkonten nachgewiesen werden (AB = Anfangsbestand, SB = Schlussbestand):
| Veränderung Fonds NUV | AB | SB | +/– | Veränderung Fonds flüssige Mittel | AB | SB | +/– | | :--------------------- | :--- | :--- | :--- | :-------------------------------- | :--- | :--- | :--- | | Flüssige Mittel | 20 | 17 | | Flüssige Mittel | 20 | 17 | – 3 | | + Forderungen L+L | 60 | 80 | | | | | | | + Warenvorrat | 50 | 90 | | | | | | | ./. Verbindlichkeiten L+L | – 100 | – 110 | | | | | | | = Nettoumlaufvermögen | 30 | 77 | + 47 | = Veränderung flüssige Mittel | | | – 3 |
⚠️ 3. Kritische Beurteilung der Aussagekraft des NUV
Ein direkter Vergleich der beiden Rechnungen zeigt, dass die Zunahme des NUV aus Betriebstätigkeit 70 beträgt, während der Geldfluss aus Betriebstätigkeit nur 20 beträgt. Dies wirft die Frage auf, welche Information für die Adressaten relevanter ist.
3.1. Problematik der Vorratszunahme
Die Vorratszunahme von 40 wird in der Mittelflussrechnung zum NUV als Zunahme und somit als Liquiditätsverbesserung erfasst, was aus folgenden Gründen problematisch ist:
- ✅ Liquiditätsverschlechterung: Eine Lagererhöhung stellt grundsätzlich eine Liquiditätsverschlechterung dar, da die eingekauften Waren bezahlt werden mussten.
- ✅ Warnsignal: Eine Vorratszunahme kann ein Hinweis auf schleppenden Geschäftsverlauf, ungünstige Einkaufspolitik, Absatzstockungen oder sinkenden Lagerumschlag sein.
- ✅ Investitionscharakter: Sofern die Vorratszunahme auf die Ausdehnung der Geschäftstätigkeit zurückzuführen ist, hat sie eher den Charakter einer Investition, was ebenfalls eine Liquiditätsverschlechterung darstellt.
- ✅ Kein Zahlungsmittel: Waren sind grundsätzlich kein Zahlungsmittel. Ein hohes Nettoumlaufvermögen hilft nicht, eine Betreibung abzuwenden, die nur durch Geldzahlung möglich ist.
3.2. Problematik der Forderungszunahme
Ähnlich fragwürdig ist die Ausweisung einer Zunahme von Forderungen aus Lieferungen und Leistungen (L+L) von 20 als Liquiditätsverbesserung in der NUV-Mittelflussrechnung:
- ✅ Zögerliches Zahlungsverhalten: Eine Zunahme von Forderungen L+L kann auf zögerliches Zahlungsverhalten von Kunden hinweisen, was einer Verschlechterung der Liquiditätssituation gleichkommt. Zahlungsprobleme, insbesondere bei grossen Kunden, führen oft zu Liquiditätsengpässen beim Gläubiger.
- ✅ Investitionscharakter: Beruht die Zunahme von Forderungen auf einer Umsatzsteigerung, trägt sie wie die Lagerzunahme eher den Charakter einer Investition.
3.3. NUV als Frühindikator für Insolvenzen
💡 Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass bei einer Verschlechterung der Geschäftslage der Fonds NUV weniger rasch reagiert als der Fonds flüssige Mittel. Dies macht den Fonds flüssige Mittel zu einem besseren Frühindikator für spätere Insolvenzen. Eine Grafik, die wichtige Grössen eines amerikanischen Industriebetriebs während der letzten zehn Jahre vor dem Konkurs darstellt, veranschaulicht, wie der Geldfluss aus Betriebstätigkeit (Cashflow) oft deutlich früher und stärker negativ wird als der Gewinn oder das NUV aus Betriebstätigkeit.
4. Zusammenfassung und Fazit
Mittelflussrechnungen sollen Aufschluss geben über:
- 1️⃣ Die Liquiditätsentwicklung
- 2️⃣ Die Investitionstätigkeiten
- 3️⃣ Die Finanzierungsmassnahmen innerhalb vergangener oder künftiger Geschäftsperioden.
Geldflussrechnungen erfüllen diesen dreifachen Informationszweck in der Regel besser:
- ✅ Bei der Darstellung der Investitionstätigkeiten und Finanzierungsmassnahmen bestehen praktisch keine Unterschiede zwischen dem Fonds NUV und dem Fonds flüssige Mittel.
- ✅ Der Fonds NUV stellt jedoch keine sinnvolle, kürzerfristig relevante Liquiditäts-Messgrösse dar. Die kritische Analyse hat gezeigt, dass Veränderungen im NUV, insbesondere durch Vorrats- und Forderungszunahmen, nicht immer eine tatsächliche Verbesserung der Liquidität widerspiegeln, sondern oft sogar auf eine Verschlechterung hindeuten können.
Abschliessend sei betont, dass es zur Analyse einer Unternehmung grundsätzlich kein starres Schema geben kann, das allen praktischen Anwendungen gerecht wird. Wichtig ist das Studium der hinter den Zahlen stehenden wirklichen Geschäftsvorgänge, um ein umfassendes und zutreffendes Bild der Unternehmenssituation zu erhalten.








