Lernmaterial: Grundlagen der Lagerhaltung
Dieses Lernmaterial wurde aus einem Vorlesungstranskript und kopierten Textquellen erstellt. Es bietet einen umfassenden Überblick über die Lagerhaltung in Unternehmen.
📚 Einführung in die Lagerhaltung
Die Lagerhaltung ist ein wichtiger Teil vieler Unternehmen. Sie sorgt dafür, dass benötigte Waren und Materialien immer verfügbar sind. Dies ist besonders wichtig für Handels-, Industrie- und Handwerksbetriebe.
✅ Warum ist Lagerhaltung nötig?
- Waren und Materialien können nicht immer sofort verarbeitet oder verkauft werden.
- Sie überbrückt die Zeit zwischen Einkauf und Verkauf oder Produktion.
⚠️ Wichtiger Hinweis: Lagerhaltung kostet Geld. Deshalb muss sie gut geplant und wirtschaftlich sein.
🎯 Ziele der Lagerhaltung
Die Lagerhaltung hat zwei Hauptziele, die oft im Konflikt stehen:
1. Formalziel: Kosten minimieren
Das Formalziel ist es, die Kosten der Lagerhaltung so gering wie möglich zu halten.
- Lagerkosten entstehen zum Beispiel für:
- Lagerräume (Miete, Heizung, Reinigung)
- Lagereinrichtung (Regale, Gabelstapler)
- Die gelagerten Waren selbst (Kapitalbindung, Verderb)
- Personal (Löhne für Lagerarbeiter)
2. Sachziel: Verfügbarkeit sichern
Das Sachziel ist es, die richtigen Waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort in der richtigen Menge und Qualität bereitzustellen.
- Beispiel: Ein Fahrradhersteller muss immer genug Aluminiumrohre haben, um Fahrräder zu bauen.
💡 Zielkonflikt
Um das Sachziel optimal zu erreichen (immer genug Ware haben), müsste man oft große Mengen lagern. Das erhöht aber die Kosten und widerspricht dem Formalziel. Die Herausforderung ist, einen guten Mittelweg zu finden.
📦 Lagerarten
Lager können nach verschiedenen Kriterien unterschieden werden:
1. Nach Stellung im Produktionsprozess (in Industriebetrieben)
In der Industrie gibt es drei Hauptarten von Lagern:
-
1️⃣ Beschaffungslager (Einkaufslager, Werkstofflager):
- Hier werden Materialien gelagert, die eingekauft wurden, aber noch nicht in der Produktion gebraucht werden.
- Zweck: Lieferverzögerungen ausgleichen, Produktionsstillstände vermeiden, Mengenrabatte nutzen.
- Beispiel: Ein Autowerk lagert Stahlbleche, bis sie für die Karosseriefertigung benötigt werden.
-
2️⃣ Produktionslager (Fertigungslager, Pufferlager):
- Hier werden unfertige Produkte zwischengelagert.
- Zweck: Überbrückung bei Produktionsengpässen oder wenn Produkte reifen/trocknen müssen.
- Beispiel: Holzmöbel müssen nach dem Lackieren trocknen, bevor sie weiterverarbeitet werden.
-
3️⃣ Absatzlager (Verkaufslager):
- Hier werden fertige Produkte gelagert, die noch nicht verkauft wurden.
- Zweck: Schnelle Lieferung an Kunden, Überbrückung von Absatzschwierigkeiten.
- Beispiel: Ein Elektronikhersteller lagert fertige Smartphones, um Kunden sofort beliefern zu können.
2. Nach Lagerstandort
-
Zentrale Lagerung:
- Alle Waren werden an einem Ort gelagert.
- ✅ Vorteile: Geringere Raum- und Personalkosten, übersichtliche Verwaltung, geringerer Gesamtbestand.
- Geeignet für: Unternehmen mit geringer Entnahmehäufigkeit oder regionalem Absatzgebiet.
- Beispiel: Ein kleines Unternehmen mit einem einzigen Lager für alle Produkte.
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Dezentrale Lagerung:
- Waren werden an mehreren Orten gelagert.
- ✅ Vorteile: Schnelle Kundenbelieferung (kürzere Transportwege), Verteilung des Lagerrisikos (z.B. bei Brand), umweltfreundlicher.
- Geeignet für: Unternehmen mit hoher Entnahmehäufigkeit oder überregionalem Absatzgebiet.
- Beispiel: Eine große Supermarktkette hat viele kleine Lager in der Nähe ihrer Filialen.
-
Gemischte Lagerung:
- Kombination aus zentraler und dezentraler Lagerung.
- Beispiel: Ein Zentrallager für große Mengen und kleinere Lager in Filialen für den täglichen Bedarf.
⚙️ Funktionen der Lagerhaltung
Die Lagerhaltung erfüllt viele wichtige Aufgaben:
- Bereitstellungsfunktion: Materialien sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar.
- Sicherungsfunktion: Schützt vor Lieferverzögerungen oder Bedarfsschwankungen, sichert die Produktion.
- Ausgleichsfunktion: Gleicht Schwankungen bei Nachfrage und Angebot aus.
- Überbrückungsfunktion: Überbrückt die Zeit zwischen Einkauf und Verbrauch oder Produktion und Verkauf.
- Spekulationsfunktion: Ermöglicht den Einkauf großer Mengen bei erwarteten Preissteigerungen oder Mengenrabatten.
- Beispiel: Ein Einkaufsleiter kauft viel Aluminium, wenn er einen Preisanstieg erwartet.
- Umformungs-/Veredelungsfunktion: Waren werden für den nächsten Schritt vorbereitet oder ihre Qualität verbessert (z.B. Reifung von Käse oder Wein).
- Umweltschutzfunktion: Weniger Bestellungen bedeuten weniger Transporte, was Energie spart und Schadstoffe reduziert.
💸 Lagerkosten und Lagerrisiken
Um das Formalziel zu erreichen, müssen Kosten und Risiken bekannt sein.
Lagerkosten
- Raumkosten: Miete, Heizung, Licht, Wasser, Reinigung, Gebäudeversicherung.
- Sachkosten: Abschreibung und Wartung von Lagereinrichtungen (Regale, Gabelstapler).
- Kosten der Lagergüter:
- Kapitalbindung: Geld, das in den gelagerten Waren steckt und nicht anders genutzt werden kann.
- Verderb, Schwund, Diebstahl.
- Personalkosten: Löhne und Gehälter für Lagerpersonal.
Lagerrisiken
- Verderb: Lebensmittel können schlecht werden.
- Veralterung: Technische Geräte oder Modeartikel können schnell altmodisch werden.
- Sinkende Nachfrage: Waren werden nicht mehr oder nur zu niedrigeren Preisen verkauft.
- Beschädigung: Waren können beim Lagern oder Transport kaputtgehen.
- Diebstahl: Waren können gestohlen werden.
⚠️ Ziel: Diese Risiken durch gute Organisation so gering wie möglich halten.
📊 Lagerkennziffern: Wirtschaftlichkeit messen
Lagerkennziffern helfen zu beurteilen, wie wirtschaftlich die Lagerhaltung ist. Sie werden in einfachen und kurzen Sätzen erklärt.
1️⃣ Durchschnittlicher Lagerbestand (Ø LB)
📚 Definition: Der Ø LB zeigt, wie viele Waren im Schnitt in einem bestimmten Zeitraum (z.B. ein Jahr) im Lager waren.
- Formel (einfach): (Jahresanfangsbestand + Jahresendbestand) / 2
- Formel (genauer): (Jahresanfangsbestand + 12 Monats-Endbestände) / 13
- Formel (bei konstanter Entnahme): (Bestellmenge / 2) + Mindestbestand
- Bedeutung: Ein niedriger Ø LB ist meist besser, da weniger Kapital gebunden ist.
2️⃣ Umschlagshäufigkeit (UH)
📚 Definition: Die UH sagt aus, wie oft der Ø LB in einem Jahr komplett verkauft oder verbraucht wurde.
- Formel: Jahresverbrauch / Ø Lagerbestand
- Bedeutung: Eine hohe UH ist gut. Sie bedeutet, dass Waren schnell das Lager verlassen. Das bindet weniger Kapital.
- Beispiel: Wenn die UH 10 ist, wurde der gesamte Lagerbestand 10 Mal im Jahr umgesetzt.
3️⃣ Durchschnittliche Lagerdauer (Ø LD)
📚 Definition: Die Ø LD zeigt, wie lange Waren im Schnitt im Lager bleiben, bevor sie verbraucht oder verkauft werden.
- Formel: 360 Tage / Umschlagshäufigkeit
- Bedeutung: Eine kurze Ø LD ist gut. Sie bedeutet, dass Waren nicht lange im Lager liegen. Das spart Kosten und bindet weniger Kapital.
4️⃣ Lagerzinssatz (LZS)
📚 Definition: Der LZS zeigt, wie viel Zinsen man "verliert", weil das Geld im Lager gebunden ist, statt auf der Bank zu liegen.
- Formel: Jahreszinssatz / Umschlagshäufigkeit
- Bedeutung: Ein niedriger LZS ist gut. Er zeigt, dass wenig Geld unnötig im Lager gebunden ist.
5️⃣ Lagerzinsen (LZ)
📚 Definition: Die LZ sind der tatsächliche Geldbetrag der "verlorenen" Zinsen für das im Lager gebundene Kapital.
- Formel: (Wert des Ø Lagerbestands * Lagerzinssatz) / 100
- Bedeutung: Ein niedriger Betrag ist gut. Er zeigt, dass die Kapitalbindung im Lager gering ist.
📈 Zusammenhänge der Kennziffern
- Hohe Bestellmengen führen zu:
- Hohem Ø Lagerbestand
- Geringer Umschlagshäufigkeit
- Langer Lagerdauer
- Viel gebundenem Kapital
- Hohen Lagerzinsen und Lagerkosten
- Niedrige Bestellmengen führen zu:
- Geringem Ø Lagerbestand
- Hoher Umschlagshäufigkeit
- Kurzer Lagerdauer
- Wenig gebundenem Kapital
- Niedrigen Lagerzinsen und Lagerkosten
💡 Idealfall: Eine "Just-in-time"-Strategie. Hier wird Ware erst geliefert, wenn sie gebraucht wird. Das Lager ist dann fast leer.
📊 Beispiel: Fly Bike Werke GmbH (Artikel 7060)
- Einstandspreis je Stück: 25,15 €
- Jahresverbrauch: 1350 Stück
- Bestellmenge je Bestellung: 279 Stück
- Mindestbestand: 108 Stück
- Jahreszinssatz: 10 %
Berechnungen:
- Ø Lagerbestand: (279 / 2) + 108 = 139,5 + 108 = 247,5 Stück (hier weicht das Beispiel von der Formel ab, da es den Durchschnitt von Anfangs- und Endbestand nimmt, was 279 Stück ergibt. Wir folgen dem Beispiel für die Konsistenz)
- Laut Beispiel: Ø LB = 279 Stück
- Umschlagshäufigkeit (UH): 1350 Stück / 279 Stück = 4,84
- Ø Lagerdauer (Ø LD): 360 Tage / 4,84 = 74,38 Tage
- Lagerzinssatz (LZS): 10 % / 4,84 = 2,07 %
- Lagerzinsen (LZ): (279 Stück * 25,15 € * 2,07 %) / 100 = 145,25 €
📝 Fazit
Lagerhaltung ist eine wichtige Aufgabe in jedem Unternehmen. Sie sichert die Verfügbarkeit von Waren, verursacht aber auch Kosten und Risiken. Unternehmen müssen einen guten Weg finden, um Waren bereitzustellen und gleichzeitig die Kosten niedrig zu halten. Lagerkennziffern helfen dabei, die Wirtschaftlichkeit zu überprüfen und zu verbessern. Eine gute Lagerhaltung macht ein Unternehmen erfolgreicher.








