Lernmaterial: Allgemeine Hygiene in der Pharmazie
Quellen: Vorliegendes Lernmaterial wurde aus einer Vorlesungszusammenfassung (Audio-Transkript) und einem bereitgestellten Textdokument (PDF/PowerPoint-Text) erstellt.
1. Einleitung: Bedeutung der Hygiene in der Pharmazie 🌍
Die Hygiene im pharmazeutischen Bereich ist von grundlegender Bedeutung, um die Sicherheit und Gesundheit von Patienten zu gewährleisten. Sie schützt sowohl Patienten, die Arzneimittel erhalten, als auch jene, die Apotheken besuchen, vor Keimen und Kontaminationen. Besonders kritisch ist dies bei immungeschwächten Personen.
✅ Rollen und Verantwortlichkeiten des pharmazeutischen Personals:
- Eigenständige Durchführung von Hygienemaßnahmen.
- Entwurf von Hygieneplänen: Festlegung von Art, Zeitpunkt und Durchführung der Maßnahmen.
- Anleitung und Kontrolle anderer Personen bei Hygienemaßnahmen.
✅ Typische Hygienemaßnahmen im pharmazeutischen Bereich:
- Arbeiten in einer sterilen Werkbank (Laminar Flow).
- Entwesung.
- Flächenreinigung und -desinfektion.
- Händereinigung und -desinfektion.
- Tragen von Schutzausrüstung (Kittel, Handschuhe, Haube, Mundschutz).
- Sterilisationsverfahren wie Autoklavieren und Sterilfiltrieren.
2. Grundlegende Hygienekonzepte 📚
2.1. Begriffsdefinitionen
- 📚 Reinigung: Entfernen von Verschmutzungen (Schmutz, organisches Material). Dabei werden auch einige Mikroorganismen entfernt und deren Nährboden entzogen, was ihre Vermehrung begrenzt.
- 📚 Desinfektion: Entfernen bzw. Abtöten/Inaktivieren der meisten Mikroorganismen, Reduktion um mindestens den Faktor 100.000. Es ist keine Reinigungsmaßnahme; Verschmutzung und Nährboden bleiben erhalten.
- 📚 Sterilisation: Entfernen/Abtöten aller Mikroorganismen bis zur Keimfreiheit. Dies ist die umfassendste Hygienemaßnahme.
2.2. Entwesung
- 📚 Definition: Vernichten von tierischen Schädlingen.
- ✅ Beispiele für Schädlinge: Fluginsekten, Schadnager, Kriechinsekten, Vorrats-/Materialschädlinge, Schadvögel.
- ⚠️ Bedeutung in der Pharmazie: Schädlinge spielen eine große Rolle und können negative Folgen haben:
- Vertrauensverlust der Kunden.
- Finanzielle Einbußen (Rohstoffe, Endprodukte, Umsätze, Schadensersatzforderungen).
- Schäden an elektrischen Anlagen durch Schadnager.
- Rechtsverfolgung bei Nichteinhaltung geltender Hygienevorschriften.
3. Flächenreinigung ✨
3.1. Ziele und Wirkungsweise
- Primäres Ziel: Entfernen von Verunreinigungen.
- Wirkung: Entzug von Nährstoffen für Bakterien und Pilze, Begrenzung ihrer Vermehrung, leichte Reduktion von Mikroorganismen.
3.2. Reinigungsmittel und ihre Wirkstoffe
- Grundstoffe:
- ✅ Tenside: Waschaktive Substanzen (Seifen, Detergenzien). Sie sind essenziell für die Reinigungswirkung, besitzen fettfreundliche und wasserfreundliche Anteile.
- 💡 Wirkmechanismus: Lagern sich an Schmutzfett an und machen es wasserlöslich (zerstören auch die Lipidhülle behüllter Viren). Setzen die Oberflächenspannung des Wassers herab.
- ✅ Hilfsstoffe: Konservierungsstoffe, Duftstoffe, Abrasivstoffe.
- ✅ Evtl. Säuren oder Laugen.
- ✅ Tenside: Waschaktive Substanzen (Seifen, Detergenzien). Sie sind essenziell für die Reinigungswirkung, besitzen fettfreundliche und wasserfreundliche Anteile.
- Abrasivstoffe: Gesteinsmehle, die Schmutz von Oberflächen abschleifen und die Reinigungsleistung verstärken.
- Grobkörnige, harte Partikel: Hohe Reinigungsleistung, aber Gefahr des Verkratzens (z.B. Scheuerpulver).
- Feinkörnige, weichere Partikel: Oberflächenschonender, aber geringere Reinigungsleistung (z.B. flüssige Scheuermittel).
3.3. Einteilung nach pH-Wert 📊
Die Reinigungsleistung und Oberflächenverträglichkeit hängen stark vom pH-Wert ab:
- Saurer Reiniger (pH < 5): Für anorganische (z.B. kalkhaltige) Verschmutzungen.
- Neutralreiniger (pH 5-8): Für nicht allzu hartnäckige Verschmutzungen bzw. bei empfindlichen Oberflächen.
- Alkoholischer Reiniger (pH > 8): Für organische Verschmutzungen (Fett, Eiweiß).
💡 Faustregel: Je weiter der pH-Wert vom Neutral-pH entfernt ist, desto stärker ist die Reinigungsleistung, aber desto geringer ist auch die Oberflächenverträglichkeit.
4. Flächendesinfektion 🧪
4.1. Definition und Ziele
- Ziel: Entfernen bzw. Abtöten/Inaktivieren der meisten Mikroorganismen (Reduktion um mind. Faktor 100.000).
- Wichtiger Hinweis: Desinfektion ist keine Reinigungsmaßnahme. Eine wirksame antimikrobielle Kombination ist daher Reinigung plus Desinfektion.
4.2. Gängige chemische Desinfektionsmittel
4.2.1. Alkoholische Desinfektionsmittel
- Wirkstoffe: Ethanol, Propanol, Isopropanol (Konzentration: 70-75%).
- Wirkung: Zweifache antimikrobielle Wirkung durch Eiweißdenaturierung und Auflösen der Lipide von Zellmembranen.
- Vorteile:
- Breites Wirkungsspektrum (Bakterien, Pilze, Viren).
- Schnelle Wirksamkeit.
- Trocknen ohne Rückstände auf.
- Gut geeignet für kleinere Flächen und Händedesinfektion.
- ⚠️ Probleme:
- Brand- und Explosionsgefahr bei Verwendung für größere Flächen.
- Schnelle Verdunstung: Bei langen Einwirkzeiten muss mehrmals aufgetragen werden.
- Materialunverträglichkeit (manche Lacke, Kunststoffe, Plexiglas, Acrylglas).
- Nicht für Wunden und Schleimhäute geeignet (Schmerzempfindlichkeit).
4.2.2. Aldehydische Desinfektionsmittel
- Wirkstoffe: Formaldehyd, Glutardialdehyd, Glyoxal.
- Wirkung: Breites Wirkungsspektrum (Bakterien, Viren, Pilze); bei hoher Konzentration und langer Einwirkzeit auch Sporen.
- Vorteile:
- Materialschonend, daher häufig in der Flächen- und Instrumentendesinfektion eingesetzt.
- ⚠️ Probleme:
- Intensiver Geruch.
- Reizung der oberen Atemwege.
- Allergische Reaktionen (z.B. Kontaktekzeme, allergische Atemwegserkrankungen).
- Anwendung nur bei ausreichender Belüftung und Vermeidung von Hautkontakt (Handschuhe!).
4.3. Auswahl eines Desinfektionsmittels
- ✅ Qualitätskriterium „Listung“: Unabhängige Gesellschaften prüfen Desinfektionsmittel gemäß Prüfnormen und listen jene, die die Anforderungen erfüllen.
- Gelistete Desinfektionsmittel haben eine unabhängig überprüfte Wirksamkeit.
- Im medizinischen Bereich ist die Verwendung eines gelisteten Mittels vorgeschrieben!
- Beispiele für Listungsstellen:
- VAH (Verbund für Angewandte Hygiene)
- ÖGHMP (Österreichische Gesellschaft für Hygiene, Mikrobiologie und Präventivmedizin)
- RKI (Robert Koch-Institut)
- Wirksamkeitsspektren: Bakterizid, fungizid, levurozid, tuberkulozid, viruzid (behüllte Viren, behüllte plus Rota-, Noro-, Adenoviren), sporozid.
5. Händehygiene 🖐️
Die Händehygiene ist entscheidend zur Verhinderung der Keimübertragung.
5.1. Gute Vorbereitung auf die Arbeit
- Arbeitsplanung: Wenige Tätigkeiten zwischen Händereinigung/Händedesinfektion und Arbeitsbeginn.
- 💡 Wasserhähne, Seifenspender und Desinfektionsmittelspender möglichst nicht mit der Hand berühren (Sensoren oder Ellbogenhebel nutzen), da sie hohe Keimmengen aufweisen können.
- Fingernägel:
- ✅ Kurz halten: Gewährleistet optimale Reinigung (größte Keimzahl unter den Fingernägeln), minimiert Gefahr der Handschuhperforation.
- ⚠️ Nicht lackieren: Erschwerte Sichtbeurteilung, Keimbesiedelung bei Rissen im Nagellack.
- ⚠️ Keine künstlichen Fingernägel: Hohe Keimbesiedelung, erhöhte Gefahr der Handschuhperforation.
- Uhren, Schmuck:
- ⚠️ Bei der Arbeit keine Uhren, keinen Schmuck tragen:
- Hygienische Gründe: Können mit hohen Keimzahlen belastet sein, keine ausreichende Reinigung/Desinfektion darunter möglich.
- Selbstschutz: Reinigungs- oder Desinfektionsmittelrückstände können zu Hautirritationen führen. Ringe können Handschuhe perforieren.
- ⚠️ Bei der Arbeit keine Uhren, keinen Schmuck tragen:
5.2. Händereinigung (Waschen)
- Wann durchführen?
- Bei sichtbarer Verschmutzung.
- Nach Toilettenbesuch.
- Nach möglichem Kontakt mit Bakteriensporen (Händedesinfektion ist hier nicht wirksam!).
- Nach möglichem Kontakt mit Schädlingen (Händedesinfektion ist hier nicht wirksam!).
- Wie durchführen?
- 1️⃣ Seife: Milde, synthetische Flüssigseife mit hautneutralem pH-Wert verwenden (keine Stückseifen, keine natürliche Seife).
- 2️⃣ Wasser: Kalt bis maximal handwarm (heißes Wasser trocknet die Haut stärker aus).
- 3️⃣ Gründlich abspülen: Seifenreste gut wegspülen, um die Regeneration des sauren Haut-pH zu fördern und eine anschließende Desinfektion nicht zu stören ("Seifenfehler").
- 4️⃣ Trocknen: Sorgfältig mit Einmalhandtüchern trocknen (keine Stoffhandtücher – Keimfallen; keine Lufttrockner – trocknen Haut aus, wirbeln Keime auf).
5.3. Händedesinfektion
- Wann durchführen?
- Saubere Hände: Nur desinfizieren (schonender für die Haut als Waschen).
- Verschmutzte Hände: Erst waschen, dann desinfizieren.
- Wirkstoffe: Alkohole (Ethanol, Propanol, Isopropanol) mit breiter und schneller Wirksamkeit.
- 💡 Wichtig: Händedesinfektionsmittel müssen rückfettende und hautschonende Substanzen enthalten, um die Haut nicht auszutrocknen.
- Durchführung:
- 1️⃣ Bei Verschmutzung: Hände erst waschen, Seife abspülen, gut mit Einmalhandtuch abtrocknen (Restfeuchte, Seifenreste vermeiden).
- 2️⃣ 3 ml Händedesinfektionsmittel auf die trockenen Hände geben und verreiben.
- 3️⃣ Einwirkzeit mind. 30 Sekunden, in dieser Zeit feucht halten (evtl. mehr Mittel verwenden).
- ⚠️ Benetzungslücken vermeiden!
6. Schutzausrüstung 🧤😷
6.1. Handschuhe
6.1.1. Typen und Anwendung
- Chemikalienfeste Schutzhandschuhe (mit langen Stulpen): Für Reinigungs- und Desinfektionsarbeiten zum Schutz der Hände.
- Medizinische Einmalhandschuhe: Bei Tätigkeiten mit potenziell infektiösem Material oder bei Sterilarbeiten.
6.1.2. Materialeigenschaften
- Latexhandschuhe:
- Elastisch, dehnbar, passen sich gut an.
- Tastempfindlich, reißfest, guter Grip.
- Naturprodukt, gut biologisch abbaubar.
- ⚠️ Können Allergien auslösen (puderfreie Latexhandschuhe verwenden, um Atemwegssymptome zu minimieren).
- ⚠️ Nicht beständig gegenüber Fetten und Ölen (reduzierte Barrierefunktion).
- Nitrilhandschuhe:
- Etwas weniger elastisch und anpassungsfähig, etwas weniger haltbar und tastempfindlich, glatter.
- Synthetisch, schlecht biologisch abbaubar.
- Kaum allergen.
- Einigermaßen beständig gegenüber Fetten und Ölen.
6.1.3. Qualitätskriterium AQL (Acceptable Quality Level) 📊
- Stichprobenprüfung mit Luft und Wasser, gibt an, wie viel Prozent der Handschuhe in einer Stichprobe fehlerhaft sein dürfen.
- AQL 1: 1 von 100 Handschuhen dürfen fehlerhaft sein.
- AQL 1,5: 1,5 von 100 Handschuhen dürfen fehlerhaft sein (Standardhandschuhe).
- AQL 2,5: 2,5 von 100 Handschuhen dürfen fehlerhaft sein.
- Sterile Handschuhe (OP, Zytostatika) haben AQL 1,0.
6.1.4. Latexallergie
- Typ I (Sofortreaktion): Symptome innerhalb weniger Minuten nach Kontakt (Haut, Atemwege, GI-Trakt, evtl. anaphylaktischer Schock). Atemwegssymptomatik v.a. bei gepuderten Latexhandschuhen.
- Typ IV (verzögerte Reaktion): Manifestation ca. 2 Tage nach Allergenkontakt (allergische Kontaktekzeme mit Rötung, Papeln, Bläschen).
6.1.5. Richtige Anwendung von Handschuhen
- Lagerung: Vor Sonneneinstrahlung und Wärme schützen. Offene Packungen staubgeschützt lagern.
- Vorbereitung: Kurze Fingernägel und keinen Schmuck unter den Handschuhen tragen.
- Keimverschleppung: Keine anderen Gegenstände oder Personen mit Handschuhen anfassen.
- Hände trocknen: Nach Händewaschen/Händedesinfektion Hände komplett trocknen lassen, bevor Handschuhe angezogen werden (Feuchtigkeit unter Handschuh belastet Haut, fördert Keimvermehrung).
- Tragedauer: Schutzhandschuhe nicht über einen langen Zeitraum (>1h) ununterbrochen tragen. Bei längerer Tragezeit zwischen 2 Handschuhpaaren wechseln, zwischendurch Hände gut trocknen lassen.
- Stulpenrand: Umschlagen, um Einfließen von Flüssigkeiten zu unterbinden.
- Reinigung/Prüfung (Schutzhandschuhe): Vor dem Ausziehen mit Wasser reinigen, trocknen, so aufhängen, dass Innenseite abtrocknen kann. Vor erneutem Benutzen Dichtigkeit prüfen.
- ⚠️ Desinfektion von Handschuhen: NEIN! Alkohol macht Latexhandschuhe durchlässig. Auch Nitrilhandschuhe können durchlässiger werden.
- Hautcreme: Latexhandschuhe sind nicht beständig gegenüber Fetten/Ölen. Nitrilhandschuhe sind widerstandsfähiger.
- Nach dem Ausziehen: Immer Händedesinfektion durchführen, da Handschuhe nicht völlig dicht sind, reißen können und sich unter feuchten Bedingungen die Hautflora stark anreichert.
6.2. Mund-Nasen-Schutz (MNS)
6.2.1. OP-Masken
- Anforderungen: Muss oben und unten dicht abschließen, Mund und Nase bedecken.
- Vorteile: Einfach anzulegen, relativ guter Schutz vor infektiösen Tröpfchen, geringe Behinderung der Atmung.
- ⚠️ Begrenzungen:
- Muss gewechselt werden, sobald sie durchfeuchtet ist (spätestens nach 2h keine Barrierefunktion mehr).
- Kein Schutz vor Aerosolen (bei hochansteckenden Erregern sind FFP-Masken notwendig).
6.2.2. FFP-Masken (Filtering Face Piece)
- Schutz: Sehr viel besserer Schutz als OP-Masken, hält Tröpfchen und Aerosole ab.
- Anwendung: Bei Kontakt mit gefährlichen bzw. hochansteckenden Erregern (z.B. Masern, Influenza, Noroviren, Coronaviren).
- Schutzstufen: FFP1 (geringster Schutz, geringster Atemwiderstand), FFP2, FFP3 (höchster Schutz, erschwert aber die Atmung deutlich).
- Ausatemventil: Erleichtert die Atmung (Einatmen durch Filtermaterial, Ausatmen durch Ventil).
- ⚠️ Wichtig: Ausatemluft geht ungefiltert hinaus! Daher nur zum Eigenschutz, keinesfalls zum Schutz der Umgebung geeignet.
7. Fazit: Umfassende Hygiene als Qualitätsstandard ✅
Umfassende Hygienemaßnahmen in der Pharmazie sind unerlässlich, um die Sicherheit und Gesundheit der Patienten zu gewährleisten. Jede Maßnahme, von der Schädlingsbekämpfung über die Reinigung und Desinfektion bis hin zur Händehygiene und dem korrekten Einsatz persönlicher Schutzausrüstung, trägt dazu bei, die Verbreitung von Mikroorganismen zu minimieren. Die Kenntnis der Wirkmechanismen, Anwendungsbereiche und potenziellen Probleme ist für pharmazeutisches Personal von größter Bedeutung, um die Qualität und Integrität pharmazeutischer Produkte und Dienstleistungen zu sichern.








